Nicht normal/ Erzählung

Die Feiertage, waren besonders hart. Ein Kind das keine Geschenke haben will, mit dem stimmt etwas nicht. Dafür musste man sich entschuldigen. Die Enttäuschung meiner Eltern, wenn Valentina die Geschenke auspackte, einfach weil sie es musste, um sie dann auf dem Fußboden liegen zu lassen, war grenzenlos. >>Das ist doch nicht normal<<, sagten sie dann, >>jedes andere Mädchen wäre vor Freude an die Decke gegangen.<< Valentina nicht. Valentina saß einfach nur da und beobachtete die Plastikkreatur in Form eines neugeborenen Babys skeptisch aus der Ferne.  Dann tapste sie wortlos zur Fensterbank und schaute aus dem Fenster. >>Das ist doch nicht normal<<, wiederholte meine Mutter eindringlich, >>sie tut… einfach gar nichts.<< Ich versuchte meiner Mutter zu erklären, dass aus dem Fenster zu sehen, keineswegs „gar nichts“ war. Aber damit blitzte ich erwartungsgemäß ab. Nein, es war wohl tatsächlich kein normales Verhalten für eine Fünfjährige. Aber warum sollte sie nicht einfach aus dem Fenster sehen, wenn es sie glücklich machte. Valentina spürte sehr gut, dass sie die Großmutter enttäuscht hatte. Wenn sie auch nicht recht verstand weshalb. Sie holte Papier und einen braunen Filzstift und setzte sich wieder auf die Fensterbank. Wenig später legte sie meiner Mutter das fertige Bild vor. >>Oh, das ist wirklich… nett von dir<<, stammelte sie und warf mir einen vielsagenden Blick zu. Als würde die Zeichnung, mit dem braunen Kuddelmuddel ihre Theorie untermauern, dass mit Valentina einfach irgendetwas verkehrt war. Als ich sie später fragte, was sie denn da gemalt habe, deutete sie strahlend aus dem Fenster. Sie hatte ein verlassenes Vogelnest in der alten Buche entdeckt. Und so ging es fortwährend. Zu Silvester saß sie im Garten meiner Schwester und ließ sich so bewegungslos wie freudestrahlend einschneien. Ab und zu streckte sie die Zunge heraus, um damit eine Schneeflocke aufzufangen. Meine Schwester sah mich flehend an und wartete, dass ich sie hereinholte. Aber warum sollte ich das tun? Die anderen Kinder spielten auch draußen. Valentina ließ sich eben einschneien.

Nein, Valentina war nicht wie andere Kinder. Sie spielte lieber mit Schnecken, als vor dem Fernseher zu sitzen. Sie liebte alles was kreucht und fleucht. Wenn es den Schnecken zu heiß war, setzte sie sie aus der Sonne. Wenn es ihnen kalt war, das erkannte sie daran, dass sie sich langsamer bewegten, dann brachte sie sie näher an den Kompost heran. Wenn es zu windig war, um draußen zu spielen, malte Valentina. Später entdeckte sie die Pflanzenwelt für sich. Zunächst Zweige und Äste. Dann konzentrierte sie sich eher auf die Baumrinde. Sie konnte sämtliche Bäume im Wald, durch ihre Borke unterscheiden. Konnte anhand der Fraßspuren erkennen, welches Tier sich daran zu schaffen machte. Aus Rinde und Moos baute sie Betten für ihre Schnecken, während ihre Cousins im selben Alter bereits fließend Englisch sprachen. Mit sechs Jahren wurde Valentina für nicht schulreif erklärt. Ein gewonnenes Jahr, dachte ich. Valentina nutzte es zum Gärtnern. Im Herbst setzte sie Blumenzwiebel an. Im Frühling umsorgte sie das Ergebnis. In ihrem kleinen Blumenbeet durfte natürlich auch Salat nicht fehlen. Wegen der Schnecken. Die liebten den Salat. Erstaunlicherweise ließen sie ihn tatsächlich heranwachsen, bevor sie ihn anfraßen. Valentina aß mit.

Mit sieben kam sie in die Sonderschule. Nicht weil sie Probleme mit dem Lernen hätte. Sie wusste viel, mehr als die meisten Kinder. Aber ihr Wissen war unbrauchbar. So wie alle ihre Talente. Der Blick für Kleines. Die Empathie. Die tiefe und unerschütterliche Genügsamkeit. All das war und ist irrelevant, ohne Nutzen für die Welt. Also wurde sie als krank eingestuft. Denn die Möglichkeit nicht beurteilt zu werden, die gibt es ja nicht.