Vala amelho akho/ Fantasiereise/ etwas riskieren/ Leseprobe

 

>>Was fühlst du, wenn ich dir sage, dass du bloß einen Schritt entfernt von einer über vierhundert Meter hohen Klippe stehst?<< Mit den Füßen tastest du vorsichtig den Boden ab, er ist steinig und er endet tatsächlich unmittelbar vor dir. Durch deine Bewegung fallen einige Steine in die Tiefe, du hörst sie nicht aufkommen. >>Vertraust du mir?<< Du würdest gerne ja sagen, aber du bist nicht in der Lage zu sprechen. Dein Magen krampft, ballt sich wie eine Faust. Aus deinen Händen weicht das Blut und sie werden kalt, obwohl du schwitzt. Ein kühler Windstoß fährt dir ins Gesicht. Du möchtest einen Schritt zurückgehen, dich vom Abgrund entfernen, aber deine Beine gehorchen dir nicht. Deine Augen sind geschlossen, angstvoll regelrecht zusammengekniffen. Du hörst dein eigenes Blut rauschen, oder ist es das Meer? Aus einiger Entfernung vernimmst du brechende Wellen, sie zerbersten kraftvoll an einem harten Widerstand. Ich fühle, wie schnell dein Herz schlägt, wie instabil und zittrig dein sonst so starker Körper vor mir steht. Dein Brustkorb hebt und senkt sich stark mit jedem Atemzug. Du möchtest dich umdrehen, aber das lasse ich nicht zu. Stattdessen trete ich neben dich und umfasse mit festem Griff deine Hand. >>Eins.<<  Plötzlich kehrt wieder Leben in deine Zellen. Du reißt die Augen auf. Alarmiert weiten sich deine Pupillen. Du starrst mich an. Ich kann deinen Blick lesen: >>Was hast du vor? Bist du verrückt?<<  >>Zwei<<, sage ich. Du versuchst dich aus meinem Griff zu befreien aber es gelingt dir nicht. Dein Blick wird panisch und flehend. Doch es ist meine Geschichte. Wie auch immer es weitergeht, es ist allein meine Entscheidung. Du hast keinerlei Einfluss darauf, also kannst du genauso gut loslassen. Lass das denken endlich sein. Und mit dieser zugegebener Maßen etwas dramatischen Metapher trete ich kleinen Schrittes bis an den Felsvorsprung vor. Du folgst zögernd. >>Spürst du das Leben? Hast du je etwas vergleichbares gefühlt? Hättest du es überhaupt zugelassen? Wie viele Gedanken in deinem Kopf sind plötzlich nicht mehr denkenswert. Wie unwichtig und klein dir deine Sorgen in diesem Moment vorkommen. Ist das nicht ein herrliches Gefühl? Hol noch einmal tief Luft, du wirst sie brauchen. … Drei.<< Immernoch wehrst du dich, doch es hilft nichts. Ich springe in den nächsten peitschenden Windstoß und nehme dich mit. Dein Herz rast. Es ist kaum möglich zu atmen, der Luftwiderstand ist zu groß. Es ist zweifellos eine Extremsituation. Die Nebennieren produzieren Adrenalin auf Hochtouren. Sämtliche Farbe weicht aus deinem Gesicht. Die Zeit scheint nicht zu vergehen, die Distanz zum Meer und dessen brechenden Wellen verringert sich kaum. >>Keine Sorge nach sechzig Metern erhöht sich die Geschwindigkeit nicht mehr<<, schreie ich in den Wind. Das war nicht einmal gelogen, es ist tatsächlich unerheblich, ob man aus achzig oder achthundert Metern fällt. Theoretisch kann man sogar einen Sturz aus mehreren Kilometern überleben. Allerdings nicht auf Wasser. Aus dieser Höhe macht die Oberflächenspannung das Wasser hart wie Beton. Wir bewegen uns mit etwa zweihundertfünfzig Kilometern in der Stunde auf ebenjene Oberfläche zu. Da ich wenig Interesse daran habe, zu beschreiben wie Bauchdecken im Verhältnis zu einer Aufprallgeschwindigkeit von knapp 300 km/h stehen, reduziere ich diese, im Sinne meiner Geschichte, auf fünfzig. In etwa das Gefühl von einem Zehnmeterbrett zu springen...