Kurzbiografie Emadita

Ema war gerade erst zehn Jahre alt, als sie merkte, dass die Welt es nicht immer nur gut mit ihr meinte. Noch vor einem Jahr, genau um dieselbe Zeit hätte sie nichts glücklicher gemacht, als eine Hand voll Kekse, eine heiße Tasse Kakao und ihre Lieblingsdecke im alten Ohrensessel. Doch nun war sie zehn. Die Freude über die erste Kerze am Adventskranz brannte schneller ab als ein Faden Wolle im Kamin. Nächste Woche stand eine Schularbeit an. Deutsch. Für ihre Rechtschreibschwäche war sie bereits in der ganzen Schule bekannt. Eigentlich mochte sie das Schreiben. Zumindest bis zur ersten Klasse in der neuen Schule, als statt dem Schriftzug der Lehrerin erstmals die dicke 4 vom Papier prangte. Die Zahl 4 hatte für sie bis zu diesem Zeitpunkt keine wesentliche Rolle gespielt. Die 4 war eine Zahl wie die 7 oder jede andere Zahl auch. Doch von dem linierten Schulpapier glotzte sie sie unaufhörlich an. Die 4 lachte sie förmlich aus. Wann immer sie das Heft aufschlug, hörte sie den Kugelschreiber der Lehrerin, wie er „Förderunterricht“ ins Elternheft schrieb. Und natürlich die Stimme der Mutter, die zu mehr Achtsamkeit mahnte. Schließlich sei die Schule der Grundstein für´ s Leben. Ema wusste zwar nicht genau was die Mutter damit meinte, aber sie wusste genau was „Förderunterricht“ bedeutete. Nämlich einen weiteren Nachmittag in der Schule. Das war es aber eigentlich gar nicht, was sie störte. Viel mehr war es die 4, die die schöne Geschichte unter ihren Rechtschreibfehlern zunichtemachte. Und die Einsen in Mathe, Geschichte und Werken die wie ausgelöscht zu sein schienen, sobald man auf die 4 zu sprechen kam. All das war ja noch erträglich. Aber dann wurde aus Mitleid Ernst, als statt der 4 plötzlich die 5 auftauchte. Die 4 war ganz ohne Frage unsympathisch, aber die 5 war grausam. Die 5 lachte nicht mehr. Die 5 sagte „Du genügst nicht, du bist nicht gut, so wie du bist. Ändere etwas und zwar schnell. Denn sonst hat das Folgen für dein ganzes weiteres Leben.“ Ema wusste zwar nicht, was die 5 auf dem Papier ihr großartig antun konnte, aber sie wusste nun, dass sie nicht genügte. Dass sie sich ändern musste. Ema beendete die Schule mit 16 Jahren. Die 5 besserte sie sich mit Mühe auf eine 4 aus und die lachte eben. Emadita lacht auch, sie ist heute 64 Jahre alt. Arbeitet, seit sie 17 war als Bildhauerin. Sie lacht weil sie das Lachen nicht verlernt hat. Weil sie es verhindern konnte, dass die Welt etwas aus ihr machte, dass sie nicht ist. Weil sie im Gegensatz zu vielen weiß, dass der einzige Grundstein für´ s Leben jener ist, trotz allem was das Leben dir auferlegt, nicht zu vergessen, wie man es genießt, mit einer Hand voll Keksen, einer heißen Tasse Kakao und der Lieblingsdecke in einem alten Ohrensessel zu sitzen.