Familiengeschichte /Leseprobe

Ilios, ein schmächtiger Junge mit brauner Haut und dunklem Haar, war mit seinen zehn Jahren und nicht unerheblichem Abstand zu vier Brüdern, der jüngste Sohn der Familie. An keinem Ort verbrachte er so viel Zeit wie an dem Hügel draußen vor den Feldern. Zu diesem Hügel, dessen war er sich ganz sicher, musste es eine spannende Geschichte geben. Auch wenn er nicht sonderlich hoch war, konnte man von ihm aus kilometerweit über die Steppe sehen.Es war weit und breit die einzige Erderhebung in der Landschaft und folglich die einzige die Ilios kannte. Ein Drachenhort könnte in ihm verborgen liegen, oder ein verwehter Tempel.Vielleicht war Ilios aber auch einfach ein kleiner Junge mit großer Fantasie. Manchmal wenn ihm die Realität einfach nicht genügen wollte, formte er seine Gedanken zu Geschichten. Zu Abenteuern geprägt von Mut und Tugend. Schlangenartige Ungeheuer mit Löwenpranken kamen darin vor, kolossale Tempel und Schlösser und natürlich ein furchtloser Heros mit Namen Ilios. Wann immer es ihm möglich war, erweckte er im Spiel seine Geschichten zum Leben und versank in eine Welt, in die nur er allein Zugang hatte. Natürlich mistete er nicht ein einziges Mal den Stall des bockigen Maultieres. Immer war es jener, seines stolzen Rosses gewesen. Tag für Tag war es nicht der Vater, dem er beim Holzhacken half, sondern das mehrköpfige, schuppige Untier, dem er sich zum Gefecht stellte. Das Pflügen des Feldes wurde zur Schatzsuche, sowie das Besäen ein Feldzug war. Der Hügel diente ihm dabei als Festung.Über die Jahre stellte Ilios diese große Fantasie allerdings vor Widerstand. Das einfache Leben ließ, je älter er wurde, keinen Platz mehr für Geschichten. Seine Brüder lachten und schickanierten ihn, wenn auch eigentlich aus einem völlig anderen Grund. Das ohnehin schon bescheidene Hab und Gut des Einzelnen verringerte sich noch mit jedem Sohn und die Unzufriedenheit der Nachkommen gipfelte nunmal in Ilios. Dieser Spott verletzte ihn. Er zwang sich stark zu sein, jemand anderes, jemand der respektiert würde. Ilios verdrängte den Hügel und die Geschichten aus seinen Gedanken. Erwachsen und klug wollte er sein. Von den ersten Sonnenstrahlen erwachte er, arbeitete hart, aß, kehrte des Abends Heim ohne ein einziges Mal gelacht zu haben und ging zu Bett, um erneut mit der Sonne aufzustehen. Tage vergingen wie Wochen, Monate wie Jahre. Das Ansehen seiner Brüder brachte es ihm nicht ein und unbeschwerter fristete er sein Dasein nun wirklich nicht. Im Gegenteil, die Brüder beachteten ihn kaum noch, denn der vernünftigste Zehnjährige jeher, gab ihnen keinen Grund mehr, sich gegen ihn zu verbünden. Auch die Eltern fanden  nun noch weniger Zeit für ihn, schien es doch, als ob er endlich zur Vernunft gekommen und fortan kein Sorgenkind mehr war. Nun hatte Ilios einen neuen Begleiter, die Einsamkeit. Er selbst erkannte sich nicht wieder, fühlte sich ersetzbar in seiner eigenen Haut. Unerträglich wurde die Einsamkeit allerdings immer erst dann, wenn er gar nicht alleine war. Eines Abends hielt er es zu Hause nicht mehr aus. Er nahm seine Brotjause und schlich hinaus, was einem Jungen nicht schwerfiel, der sich ohnehin für unsichtbar hielt. Ohne es zu merken, führte ihn sein Weg zu dem Hügel vor dem Kornfeld. Wochen und Tage war er nicht hier gewesen. Er setzte sich und sah in den Sonnenuntergang. Es schien, als tauten die warmen Strahlen, das eigenerschaffene Eis ein wenig an und er fühlte sich von Minute zu Minute wohler. Ilios schloss die Augen und atmete die trockene Luft. Sie roch nach Abenteuern. Sie roch nach mehr. Er zog die Jause aus seiner Hosentasche und biss mit großem Apetit in das Brot. Zum ersten Mal seit langem, war das Essen nicht nur Mittel zum Zweck. Als er fertig gegessen hatte, lag ein unscheinbarer Olivenkern in der staubigen Hand. Er betrachtete, drehte und wendete den Kern und steckte ihn schließlich in die Erde. Mit ein wenig Glück, sähen sie die Sonne bald gemeinsam untergehen, flüsterte er hoffnungsvoll, deckte seinen Setzling mit warmer Erde zu und fühlte, dass er gerade etwas Großes getan hatte. Seine Gedanken trugen ihn davon. Tief in seinem Inneren hatte er nie vergessen, dass es etwas Schönes ist, zu träumen. Ja, dass er durch seine Fantasie etwas hatte, dass ihn sogar reicher und stärker machte als die meisten.

Und so geschah es. Was als winziger Keim begonnen hatte, kämpfte sich durch die spröde Erde und wurde recht schnell ein kleiner Ölbaum. In seiner Krone trug er Unmengen dunkelbrauner Früchte. Mehr als für seine Größe üblich war. Elaia. So nannte ihn Ilios, weil es zum einen Ölbaum bedeutet und zum anderen jeder Freund einen Namen tragen sollte, zumal es der einzige ist. Beinahe täglich verbrachte Ilios die letzten Sonnenstunden bei seinem Freund und über die Jahre schließlich in dessen Schatten. Es war keine herkömmliche Freundschaft, denn natürlich konnte Elaia nicht sprechen. Für Ilios war es dennoch der Beweis. Die Magie, von der er so lange nur gehofft hatte, dass sie diesen Hügel erfüllt, sie zeigte sich in Elaia. Wie sonst war es möglich, dass der Baum so schnell gewachsen war, wie dass er sich zu seinem Fuße wohler fühlte als sonst wo auf der Welt. Scheinbar als Dank für sein Leben, die ihm entgegengebrachte Liebe und die vielen Geschichten schenkte Elaia Ilios die schönsten Träume, wenn er auf dem Hügel einnickte, die wertvollsten Erkenntnisse, wenn ihm etwas Kummer bereitete und allem voran nahm er ihm für immer das Gefühl der Einsamkeit...