Schädlinge

 

Eine Gruppe Touristen versammelt sich um das goldene Johann Strauß Bildnis, die Statue selbst ist nicht mehr zu sehen. Später am Teich eine weitere Menschentraube. Inbrünstig schleudern Kinder, Omas, Eltern altes Brot ins Wasser. Das Brot muss mit einigem Abstand zum Ufer auf der  Wasseroberfläche aufkommen, sonst fressen die Tauben mit und das sollen sie nicht. Das Brot gehört den bessergestellten Wasservögeln. Ein alter Mann spaziert gebückt den Weg entlang. Sein steifer Körper stützt sich auf einen ebenfalls krummen Stock. Aus der schmutzigen, dunklen Jacke quillt das Futter und trotzdem ist sie das am meisten intakte Kleidungsstück an der alters- und armutsgeplagten Gestalt. Ich beobachte sie von einer Parkbank aus, trotzdem entwickelt sich eine gewisse Synästhesie. Die gesamte Erscheinung riecht wohl nicht besser, als die Urinflecken auf der zerschlissenen Hose vermuten lassen. Würdevoller als man meinen könnte, hinkt der Mann zu den Herrschaften am Uferrand und hält lächelnd die Hand auf. „Bitte“, flüstert er so heiser wie freundlich. Die Omas und Eltern sind genervt, sehen sie sich doch gezwungen eine unsichtbare Mauer zu errichten, um das Abwenden ihres Blickes vor sich selbst zu rechtfertigen. Wie unangenehm. Der Himmel über Wien ist heute in besonders sehenswertes Grau gehüllt. Besorgte Eltern schieben ihre neugierigen Kinder zur Seite, man weiß ja nie. Der Mann verneigt sich, dankbar für das Desinteresse und zieht schlurfend weiter. Die Luft ist wieder rein, im wahrsten Sinne des Wortes, und man widmet sich wieder den Enten. Gnädig wie Großmütter sind, leert eine ältere Dame ihr Plastiksackerl über dem Parkboden, sodass selbst die Tauben nicht ganz leer ausgehen. Welkes Laub dreht sich im Wind und das Geräusch sich nähernden Schlurfens ist zu hören. Eine Hand öffnet sich vor mir. Ich lege einen Geldschein hinein. Einerseits aus Hochachtung vor einem Mann der es schafft, dem Leben, so hart es ist, jeden Tag ins Gesicht zu sehen, aufzustehen, weiterzumachen, erhobenen Hauptes, so gut es die alten Knochen zulassen. Andererseits aus Scham. Ich schäme mich für meine Heimatstadt, für meine Mitmenschen, für die fehlende Menschlichkeit. Für das Armutszeugnis, welches wir uns Tag für Tag selbst ausstellen. Mitleidiges Kopfschütteln auf der Bank daneben. Ob aus Sorge oder aus Missgunst ist nicht klar zu erkennen. Ich gehe vom Besten aus. „Verlorenes Geld! Der schmeißt des für Bier wieder raus!“ Ich fühle mich hilflos, bin ich doch nicht in der Lage mein Gegenüber vor dieser Wortgewalt zu beschützen. „Ich Islam. Keine Alkohol. Danke Fräulein. Viele Danke.“  „Noch schlimmer“, entgegnet der besorgte Herr, steht auf und geht. Ist das Problem nun, dass er mein Geld für Bier rausschmeißt oder dass er es nicht tut? Die Worte prallen an dem gebückten Mann einfach ab, immer noch erfüllt ein dankbares, wenn auch zahnarmes Lächeln sein Gesicht. Ich beneide ihn um diese Gabe. Er steht über den Dingen, voller Selbstachtung. Mit einer einladenden Handbewegung biete ich ihm den Platz neben mir an. Fassungsloses Raunen am Teich. „Mein Name ist Elisabeth.“ Der Mann nimmt meine Hand und setzt sich zu mir. Leider kann ich seinen Namen nicht verstehen. Er holt einen Ausweis aus seinem Portmonee, doch leider zeigt auch dieser nur arabische Buchstaben. Ich zucke hilflos die Schultern. Der Mann lacht herzlich und legt die Hand auf meine Schulter. Er holt ein Bild heraus. Ein Familienfoto mit mindestens zwanzig Personen, die Hälfte davon Kinder. „Meine Sohn. Meine Kinder, alle meine Kinder.“  „Sind das Ihre Enkel?“ „Hafid? Ja, Enkel, Urenkel. Suria. Alle Suria.“ Seine Stimme ist rau aber sanft. Ich spüre die angewiderten Blicke der Wiener- Wassertierfürsorge als ich meinem Gesprächspartner unter den Arm greife, um ihm aufzuhelfen. Am anderen Ende des Parks bestelle ich einen Becher heißen Kaffee. Der Coffeebike-Besitzer bereitet den Capuchino sorgfältig zu. Im Milchschaum findet sich ein Herz aus Kakaopulver. Ich kaufe noch ein Päckchen Waffeln, bezahle und werde mit einem strahlenden Lächeln verabschiedet. Ein Lächeln das plötzlich verschwindet, als er sein Kunstwerk dem gebückten Mann ausgehändigt sieht. Das Lächeln verschwand für einen Ausdruck des Ekels, welchen er nicht zu unterdrücken vermochte. Auch das lässt mein Gegenüber anstandslos zu und bedankt sich für den Kaffee, wieder und wieder. Doch steht ihm dieses Frühstück wirklich zu? Schließlich ist er keine Ente. Nein, noch nicht einmal eine Taube.