Resilienz

17.09.2017 10:09

Der andere Mann war nicht das Problem. Das Problem war und ist, dass sie nicht nach den Regeln spielte. Nicht nach den offiziellen, die das Eheleben mit sich bringt, und, was viel schlimmer war, nicht nach den ungeschriebenen. Den nonverbalen, stillen Verabredungen. Ich mache Entbehrungen, wenn du es auch tust. Wir halten die Fassade aufrecht. Wir heiraten und wirken glücklich, so wie es alle tun. Das war der Plan, und sie hielt sich nicht daran. Sie hatte ihn betrogen und hintergangen, obwohl er all die Jahre für sie unglücklich war. Sie hatte ihn blamiert, ihn bloßgestellt.

Als die Tür ins Schloss fiel, blieb nur Stille. Jene Art der Stille die Menschen dazu zwingt nachzudenken. Eine Welle Gefühle überkam ihn, die er nicht bereit war, zuzulassen. Wut, Traurigkeit, Selbsthass,… aber vor allem diese alles zerfressende Wut. Wochen vergingen und sein Zorn gab ihm die Kraft die weiteren Schritte einzuleiten. Doch als das geschafft war, wich die Wut einer tiefen, kalten Leere. Das Alleinsein gefiel ihm nicht. Man hatte ihn gegen seinen Willen auf Anfang gesetzt. Und dann war da noch diese Gedankenspirale, die immer wieder Bilder hochkommen ließ. Bilder davon, wie diese fremden Hände seine Frau berührten. Seine Frau. Nein… Er wird sie nicht glücklich machen. Wenn er selbst es nicht schaffte, dann auch kein anderer. Denn was würde das über ihn aussagen? Es würde aussehen, als sei er schuld an allem. Dabei hatte er doch alles getan, alles versucht. Er hatte ihr seine besten Jahre geschenkt. Zeit die ihm niemand je zurückgeben konnte. Verlorene Stunden. Nun gut, nicht völlig verloren, schließlich waren da noch die Kinder. Die Kinder! Also zumindest das musste sie doch einsehen. Was sie den Kindern angetan hatte, war nicht mehr gutzumachen. Sie hatte die Familie zerstört! Sie ganz alleine. So sollten die Leute denken. So sollte sie denken. So wollte er denken.

Als er den Ehering abnahm, fiel ein grauer Schleier von ihm ab. Eine Last von der er nicht gewusst hatte, dass es eine war. Die Stelle, an der noch vor kurzem der Ehering steckte, erregte eine Menge Aufmerksamkeit. Frauen folgten seinem Blick. Sie sahen ihn an. Als Mann. Nicht den Ehemann einer anderen. Nicht den Vater. Ihn. In ihren Augen funkelte Neugier und die Sehnsucht nach Abwechslung. Diese Art der Aufmerksamkeit war belebend. Im wahrsten Sinne des Wortes. Er fühlte wieder Leben in sich. Nur leider hielt dieses Gefühl nie lange an. Es verlangte nach Regelmäßigkeit.

Ein Lächeln, ein Augenzwinkern, …eine leicht verdiente Emotion.