Ohne Teenies besser dran - Ein modernes Märchen

27.01.2018 10:49

Ohne Teenies besser dran-

Ein modernes Märchen

 

Seit ich kürzlich beim Staubsaugen irrtümlich das Mobiltelefon meiner dreizehnjährigen Tochter Melanie entsperrte und sich aus heiterem Himmel die WhatsApp Unterhaltung mit ihrer besten Freundin öffnete, frage ich mich, ob diesem Kind noch zu helfen ist. Ich bin wirklich kein überfürsorglicher Vater, aber dafür finde ich keine Worte. Armutszeugnis der Menschheit vielleicht. Entgleisung der Jugend. Oder Achillesferse des Intellekts. Verblödung der… Okay vielleicht finde ich doch ein paar Worte. Es trug sich zu, wie folgt:

Zuerst hat **Süße<3<3** geschrieben: „Mir is fad.“ Zumindest schlussfolgerte ich das aus den schnarchenden Smileys und dem Kontext der Reaktion. Meine Tochter erklärte, da könne sie Abhilfe schaffen, denn sie habe ohnehin noch etwas wichtiges zu erzählen. Auf ein rhetorisches „Ok???????“ folgten,  anstelle einer Antwort, vier Daumen hoch und drei Top!s. Den Rest der Unterhaltung werde ich nun etwas zusammenfassen. Also es ist offenbar so, dass meine Tochter Melanie vielleicht, vielleicht auch nicht, in Emil verliebt ist.  Das hängt jetzt (und gar nicht unwesentlich) davon ab, ob er selbiges erwidert. Allerdings sei es, bei 627 Facebook-Freunden, wovon 341 weiblich sind und ihm 53 sogar zum Geburtstag gratulierten, wohl reichlich naiv das anzunehmen. „Shit“ kam prompt die Situationsauslegung, natürlich ebenfalls in Form eines lächelnden Emojis. Woher sie das eigentlich wisse, hakte **Süße<3<3** nach. Denn wie ich erfuhr, waren Melanie und Emil selbst gar keine Facebook-Freunde. Doch scheinbar wäre es gewissermaßen und unter Umständen möglich, dass sie, Melanie, sich vielleicht, vielleicht auch nicht, in den Account ihres älteren Bruders (meines Sohnes Gabriel [Oh Gott steh mir bei, es geht um seinen langhaarigen Freund, den 18[[!!!]] jährigen Emil!!!]) gehackt hat, um das zu „checken“. Was wiederum wohl wesentlich davon abhängt, ob dieser es ihr hieb- und stichfest nachweisen konnte. Wie auch immer, nun hatte sie sich das ganze aber natürlich nicht aus den Fingern gesogen, nein! Es gäbe da durchaus gewisse Anzeichen dafür, dass der schöne Emil ihre Gefühle (die je nachdem da waren oder nicht) erwiderte. Als sie sich nämlich zuletzt schicksalhaft vor Gabriels Zimmer über den Weg gelaufen waren (er musste auf´s Klo und sie stand da reiiiin zufällig), sagte er: „Hey Mel“. *kreiiiisch*,  entgegnete da die beglückwünschende Telefonseelsorge. Dann folgten einige Abkürzungen, die selbst erfahrene Kryptologen vor ein Rätsel gestellt hätten. Die Aufregung rührte jedenfalls daher, dass er, Emil, der viel zu alte Freund meines Sohnes Gabriel,  ja auch etwas Plumpes hätte sagen können. Etwas „Angestaubtes“ wie „Hallo Melanie“. Aber das hatte der Ritter in der schimmernden Rüstung nicht getan. Nein! Er sagte, quasi mit ewigen Liebesschwüren zwischen den Zeilen: „Hey Mel.“ Es folgten unzählige OMG!s beider Gesprächsteilnehmer.

Trotz der vorherrschenden Euphorie der Hormongeplagten, beunruhigte mich das zunächst nicht. Mit der, vermutlich hanfbedingten (Geistes-) Trägheit, die der junge Adonis üblicherweise an den Tag legte, wenn er aus Gabriels Zimmer schlurfte, war an diesen Worten wohl kaum viel dran. Aber dann hatte er offenbar auch noch „angesext“ geschaut. Und zwar „sooo hot“! Angesext! Ja Kruzifix! Wenn das auch nur annähernd das bedeutet, was ich denke, dass es bedeutet, dann bekommt der liebe Emil lebenslängliches Hausverbot. …Was interessant wäre zu erklären mit dieser Vorgeschichte. Was sollte ich sagen? „Sohn, wirf deinen Freund hinaus, der schaut angesext“? Wohl eher nicht. Gott sei Dank hält Gabriel meinen Erziehungsstil aber sowieso für archaisch. Ein markerschütterndes „Weil ich es sage“ (in Mundart wirkt es noch besser), sollte also genügen. Nun gut. Mehr als dieses zwischenmenschliche Feuerwerk vor der Klotür war nicht nötig, um zwei pubertierende Gören dazu zu animieren, sich angeregt über Verhütung auszutauschen. Zumindest dieses Gespräch würde mir erspart bleiben, denn auf dem Gebiet schienen sie tatsächlich bescheid zu wissen. Im Ernst, da kamen Sachen, von denen ich noch nie zuvor gehört hatte! Nachdem diese gegoogelt waren, ließ ich mich demoralisiert auf die Couch fallen. Wie es der Zufall (oder der Alltag) will, kam wenig später Gabriel von der Schule nach Hause und zwar mit niemand Geringerem als dem schönen Emil im Schlepptau. „Tag“, murmelte der. Was das wohl zu bedeuten hatte? Leider würde sich in meinen WhatsApp Kontakten niemand finden, mit dem ich das erläutern könnte. Also schaltete sich mein Gesichtsscanner ein. Ich suchte nach dem Begriff „angesext“, aber er schlug lediglich bei „eingeraucht“ aus. Zugegeben, ich war auch keine beeinflussbare, leichtgläubige Dreizehnjährige. Mich würde er wohl kaum so ansehen. Also folgte ich dem Verdächtigen in den ersten Stock, wo ich nicht nur von meinem Sohn Gabriel böse Blicke kassierte, sondern auch von der lieben Melanie, die mit dem wallenden fettigen Haar einer Dreizehnjährigen über der Schulter, wieder reii-iin zufällig am Flur stand. Okay, das hatte ich nicht bedacht. Mit oscarverdächtiger Gleichgültigkeit gab ich vor, nur den Staubsauger holen zu wollen. Mein entschlossener Blick ließ keine Zweifel zu. Zielstrebig wand ich mich an dem Dreiergespann vorbei und holte das kabellose Elitegerät aus der Wäschekammer. Der Traum meiner schlaflosen Nächte. Ich war tatsächlich so stolz auf dieses hochmoderne Haushaltsgerät, dass meine Kinder mir die kleine Notlüge abnahmen. Nach einigen Minuten des Abwartens, schaltete ich den Staubsauger ein. Nur als (ausgesprochen leise!!) Geräuschkulisse versteht sich. Ich legte den zufrieden surrenden Apparat auf den Boden und mich selbst auf die Pirsch. Von der Treppe aus hatte ich hervorragende Sicht auf beide Kinderzimmer inklusive der Klotür. Und sollte mich wider erwarten jemand entdecken, war da ja noch der Staubsauger. Ich musste kaum eineinhalb Stunden warten, holten mich auch schon die Schlurfgeräusche von Socken auf Parkett aus meinem Nickerchen. Der Akkusauger surrte immer noch zufrieden - was für eine Errungenschaft der Technik! Die Zimmertür zu Melanies Teenie-Höhle war einen spaltbreit offen. Ich vernahm eine tiefe Stimme. Dann ein schrilles Quietschen. Bewaffnet mit dem Dyson V8 Pro eilte ich meiner Tochter zur Hilfe. Zu meiner Erleichterung waren alle Personen die sich im Raum befanden voll bekleidet. Gabriel hatte seine schlaksigen Finger um Melanies Nacken gelegt und rügte sie dafür, dass sie an seinem Computer gewesen war. Ich schloss die Tür, wenn auch nur halb so energisch wie ich sie aufgerissen hatte, und schlich in Gabriels Zimmer. Dort fand ich, wie ich es gehofft hatte, den schönen Emil. Den Rücken gerade und die Hand fest um den Dyson geschlungen, baute ich mich vor ihm auf. Er sah mich gelangweilt an. „Ich weiß genau, dass du Melanie angesext hast“, stieß ich bedrohlich aus, „Wenn du sie anrührst, schwöre ich dir…“ Aus Effektgründen ließ ich den letzten Teil des Satzes als drohendes Damoklesschwert im Raum stehen. Ich erwartete eine dünne Rechtfertigung, ein angstvolles Wimmern. Doch Emil glotzte mich nur aus rot umrandeten Augen an. „Alter geht’s noch? Ich hab 627 Facebook-Freunde, davon sind 341 weiblich und 53 haben mir sogar zum Geburtstag gratuliert!“