Leopold und das Licht

29.11.2017 10:54

 

Leopold ist alt. Alt, allein und griesgrämig. Alt ist er, weil das Leben tiefe Spuren hinterlassen hat.

Die Zeit als er ein Kind war, hat die Fähigkeit zu lieben in sein Herz gebracht. Seine Mutter war gütig und fleißig. Ein strahlendes Licht. Die Zeit als Soldat hatte diese Gabe kurzzeitig beeinträchtigt. Sie löschte viele Lichter aus. Beinahe sogar sein eigenes als er sich schlecht ausgerüstet und zitternd vor Kälte und Angst in Russland wiederfand. In der Zeit als Ehemann loderte das Licht wieder. Sie brachte große Liebe mit sich. Er konnte kaum glauben, dass noch eine Steigerung möglich war. Bis zu der Zeit als Vater. Während dieser Zeit strahlte er so sehr, dass man die ganze Stadt damit hätte beleuchten können. Das Land. Den Kontinent. Die Welt. Er wollte sein Glück hinausschreien. Jeden noch so fernen Menschen daran teilhaben lassen. Aber er blieb bescheiden. Er schrie erst in der Zeit als Witwer. Einmal. Laut. Sehr laut. Ein Schrei der nurmehr ein winziges Flackern zurückließ.

Darauf folgte die Zeit als alter Mann. Nichts, aber auch gar nichts konnte das Licht zurückbringen, das parallel zu der jeweiligen Zeit vergangen war. Das durfte auch nicht sein. Wie könnte er nach allem, was er nicht mehr war, was die Zeit ihm gestohlen hatte, noch glücklich sein? Undenkbar. Nun war er eben alt. Alt, allein und griesgrämig. Das gedachte er zu bleiben. So lange bis auch die Zeit als alter Mann ein Ende fand. Und das würde sie. Er musste nur geduldig sein.


Indem er also alt, allein und griesgrämig auf den Tod wartete, versuchte er sein Licht auszulöschen. Keine andere Aufgabe war ihm geblieben. Es war nicht wirklich schwer, eine beinah erstickte Flamme klein zu halten. So einsam in der viel zu großen Wohnung. Die so unendlich leer war, seit er sich allem entledigt hatte, was von früheren Zeiten geblieben war.

Schwer wurde es nur manchmal wenn er die Wohnung verließ. Wenn Hermine aus dem zweiten Stock im Stiegenaufgang nach der Brille kramte, obwohl sie die ganze Zeit über auf ihrer Nase gesessen hatte. Selbst mit Brille fand sie das Schlüsselloch nicht. Ihre Hände waren einfach zu zittrig. Denn auch Hermine war alt. Alt und allein, aber keines Wegs griesgrämig. Sie war sogar ausgesprochen lustig. Was Leopold gelegentlich beim Licht Kleinhalten störte. Vor allem dann, wenn Hermine ihm, als Dank fürs Türöffnen, heimlich selbst gemachte Pralinen vor die Wohnungstür legen wollte. Schließlich aber doch verlegen klingeln musste, weil sie sich wieder einmal ausgesperrt hatte.

Noch schwerer wurde es, als er sie mit samt ihrer Pralinen hereinbat. Als er ihr Kaffee über die hellblau karierte Schürze schüttete und das Malheur, mit hochrotem Kopf beseitigte. Als ihm die Schamesröte ins Gesicht stieg, wenn sie seinen Blick streifte. Als er sich dabei ertappte, davon zu träumen, ihren schneeweißen Lockenkopf zu streicheln. Als er, verlegen wie ein Schuljunge, um ihre Hand anhielt.

Am allerschwersten aber war es geworden, seit der Duft von Hermines Rosenseife die gar nicht mehr so leere Wohnung erfüllte. Unmöglich, seit Leopold nicht mehr griesgrämig ist. Auch nicht allein. Ja, nicht einmal mehr so wirklich alt.