Jahre der Nacht

19.09.2017 10:19

Ich wurde geschieden. Sie werden jetzt vielleicht denken, das sei nichts besonderes, doch das war es. Mein Mann verließ mich, als sich scheiden zu lassen noch kein Volkssport war. Da stand ich also, mit vier Kindern, ohne Einkommen und ohne die Miete bezahlen zu können. Zu meiner Überraschung war die Miete sogar um einige Monate in Verzug. Von Kindesunterhalt wollte mein Exmann auch nichts wissen und tauchte schließlich ganz ab. Meine Kinder ahnten nichts von unserer Aussichtslosigkeit und das sollte so bleiben, also lächelte ich. Es war ein stiller Kampf der sich unsichtbar, tief in mir abspielte, jeden Tag aufs neue. Und da ich alles daran setzte, diesen Kampf zu gewinnen, blieb kaum Zeit für Angst, Tränen und Sorgen. Nur des Nachts verschwand mein Lachen. Und das trifft es vielleicht ganz gut, es waren Jahre der Nacht.

Ich bin inzwischen fast 70 Jahre alt. Erwarte den Besuch meiner Kinder, der Schwieger- und Enkelkinder. Wenn ich sie sehe erfüllt mich eine große Dankbarkeit. Sie sind tüchtige und anständige Menschen geworden. Das Lächeln das lange Zeit ein oberflächliches war, ist heute echt.