Der Pfau

24.09.2017 09:34

Der Pfau

 

Der Schmutz des einen Landes ist die Medizin des anderen. Neben den verbotenen Mohnfeldern leuchtet der Markt meiner Heimatstadt aus der kargen Berglandschaft. Kamele und Esel ruhen vor der Stadteinfahrt. Die Kleider und Textilwaren die sie transportierten, liegen jetzt zum Verkauf aus. Daneben ein Verkäufer mit Pfauenfedern. Während sie in Europa Unglück bringen sollen, symbolisiert die Pfauenfeder hier Würde, Wohlstand und Unsterblichkeit. Seit 1978 befindet sich mein Heimatland im Krieg. Angefangen mit einem Schlag der kommunistischen Partei, rutscht es von einem Konflikt in den nächsten. Meine Töchter kennen keinen Frieden. Ich selbst erinnere mich kaum daran. Männer, Frauen, Kinder aus unserer Nachbarschaft, unsere Freunde, unsere Familien sterben durch die Hand der Taliban, der eigenen Armee, oder durch das US-Militär. Es ist ein sich ewig fortsetzender, todbringender Kreislauf. Die Besatzungsmächte sehen früher oder später ein, dass ein derart raues und bergiges Land auf Dauer nicht einzunehmen ist, hinterlassen es im Chaos, bilden damit die Basis des nächsten Bürgerkriegs, der wiederum neue Besatzer lockt. Wenn der Grundstein schief liegt, kann die Mauer nicht gerade werden. Es wird gesprochen, aber falsch. Während die Metzger diskutieren, fällt die Kuh tot um. Und so ist es in vielen Dingen. Nicht nur der Krieg prägt die Menschen. Islamische Vorschriften beeinflussen jegliche Kommunikation. Die Scharia, was so viel bedeutet wie deutlicher, gebahnter Weg, bestimmt alles zwischen Strafrecht und Familienleben. Seit 2004 gelten Frauen in meinem Land grundsätzlich als gleichberechtigt. Diese Zusage wird allerdings im selben Atemzug relativiert, denn die Verfassung sagt, kein Gesetz dürfe im Widerspruch zu den Grundlagen des Islam stehen. Die Armut treibt Frauen in die Abhängigkeit. Ab 16 Jahren ist die Zwangsheirat erlaubt und darunter toleriert. Es gibt keinen Verschleierungszwang mehr, doch unser Rollenbild, lässt nichts anderes zu. Ich bin eine Frau aus Afghanistan. Wenn ich an zu Hause denke, sehe ich die Pfauenfedern vor mir, die alles verkörpern, was mein schönes Land so dringend braucht und was es in Europa in solchem Überfluss gibt, dass es bereits Unglück bringt. Würde wird zur Eitelkeit, Wohlstand wird zu Gier und Unsterblichkeit wird zum Wahn. Der Schmutz des einen Landes ist die Medizin des anderen. Und ich als Frau beneide den Pfau, der die Federn ließ, denn er darf zeigen, wie schön er ist.