Den Keller voller Geister

11.10.2019 11:10

Das Haus in dem ich wohne, ist nicht mein Elternhaus. Es gehörte der Tante eines Mädchens, das im selben Keller saß wie ich, wenn der Kuckuck rief. Ihre Mutter summte immer die Melodie von Harry James' Sleepy Lagoon. Ich musste mich anstrengen ihren Gesang hören zu können, denn meine Mutter und meine Großmutter erlaubten mir nicht, mich zu ihr zu setzen. Nur Verrückte singen. Und das Leben mochte einen verrückt machen. Doch die Frage ob sie es gut hießen, stellte sich bald nicht mehr. Ende Oktober 1944 überkam meine Mutter ein scheußliches Fieber und wenige Tage danach auch meine Großmutter. Ich erzählte niemandem davon sondern saß meinen Kummer alleine aus, das Schlafzimmer fest versperrt. Unter Tränen und Angst erwartete ich mein eigenes Fieber, mein letztes, doch es kam nicht. Der Tod konnte launisch sein, doch er war nie weit weg. Schon nach wenigen Tagen sehnte ich mich nach ihm, wie nach einem Freund. Trotzdem ging ich bei der nächsten Sirene in den Keller. Ich war alleine gekommen. Die Nachbarn wussten, was das zu bedeuten hatte, mieden mich und senkten den Blick. Abgesehen von einer Frau, welche die Arme hob, die zuvor noch um ihr Kind geschlungen waren. Wie auch das Mädchen legte ich mein Gesicht in ihren Schoß und lauschte dem Gesang, der immer noch schwer zu hören war, da ihre Hände auf unseren Ohren lagen. Ihre Finger, wie sie mein Gesicht berührten, fingen mich in meinem Schmerz auf wie zarte Federn. Ich schluchzte in ihren Rock und sie sang. Sie sang immer weiter bis meine Tränen versiegt waren. Als die Entwarnung kam, nahm sie mich mit in ihre Wohnung, ohne Fragen zu stellen.

Wenige Tage später zogen wir aufs Land zu Tante Annie. Sie war zwar nicht meine Tante, aber sie war, wie man sich eine Tante vorstellte. Fürsorglich, ordentlich und auch ein bisschen verrückt. Sie erzählte uns nämlich, der Keller sei voll mit Geistern. Ein anderes Mal erzählte sie uns sogar, dass es gar keinen Keller gäbe, obwohl doch eindeutig eine Tür nach unten führte. Näherten wir uns aus Neugier, bekamen wir ein paar saftige Ohrfeigen. Manchmal stellten wir Mutproben an, wer sich näher heran wagte. Dann und wann glaubten wir Stimmen zu hören und verkrochen uns schnell wieder. In der Nacht konnte man, wenn man das Ohr auf den Fußboden legte, die Kellertür knarzen hören, dann waren die Stimmen noch lauter. Irmie war quirlig und widerspenstig. Sie machte oft böse Scherze, aber ich mochte sie. Ein halbes Jahr nach unserem Einzug, zog sie mit ihrer Mutter wieder zum Vater in die Stadt. Ich blieb bei Tante Annie. Viele Jahre später ging sie von uns. Ab und zu besuchte mich Irmie, die inzwischen einen wohlhabenden Kaufmann geheiratet hatte. Irgendwann kam nicht einmal mehr sie.

Dann gab es nur noch mich und das Haus. Und die Geister im Keller, die blieben mir auch. Zwar konnte ich sie seit Ewigkeiten nicht mehr hören, doch passierten sehr merkwürdige Dinge. Ich fand Briefe in meinem Postkasten und Ansichtskarten, Fotos von Menschen die ich noch nie zuvor gesehen hatte. Einmal im Monat war es sogar ein Umschlag mit Geld. Zweitausend Schilling um genau zu sein. Jeden Monat. Ich wollte den großzügigen Spender ausfindig machen, doch weder die Polizei noch der Postbeamte konnte oder wollte mir helfen. Darum legte ich mich selbst auf die Pirsch. Da die Kuverts in unregelmäßigen Abständen kamen, war das gar nicht so leicht. Drei Monate später war es so weit. Ein großer Mann, er muss um die fünfzig Jahre alt gewesen sein, stand vor dem Gartenzaun und steckte einen Umschlag in den Briefkasten. Als ich ihn zur Rede stellte, meinte er verlegen, er hätte vor langer Zeit einmal hier gewohnt, in genau demselben Haus und das Geld wäre für versäumte Mieten. Was ich auch an Einwänden hervorbrachte, er ließ sich von seinen angeblichen Rückzahlungen nicht abhalten. In den folgenden Jahren und Monaten brachte er den Umschlag nicht mehr heimlich, sondern zum Kaffee. Auch die Menschen auf den Bildern, seine Kinder und Enkelkinder brachte er ab und an mit. Zwei davon besuchen mich immer noch regelmäßig. Doch das alles ist nicht meine Geschichte, es ist die des Hauses. Und im Keller… da war ich bis heute nicht.