Der Keller ist voller Geister

11.10.2017 11:10

„Liebe Elisabeth, ich möchte Ihnen von meinem Haus erzählen.“

„Von Ihrem Haus?“

„Ja.“

„Gerne. Bitte erzählen Sie mir von Ihrem Haus.“

„Wissen Sie, ein Geist hat mir eine Geschichte vorgelesen, die Sie geschrieben haben. Die von dem Postboten und der alten Dame. Und sie erinnerte mich an die Geschichte meines Hauses. Den Geist wohl auch.

Nun gut. Das Haus in dem ich wohne, ist nicht mein Elternhaus. Es gehörte der Tante eines Mädchens, das im selben Keller saß wie ich, wenn der Kuckuck rief. Ihre Mutter summte immer die Melodie von Harry James' Sleepy Lagoon. Ich musste mich anstrengen ihren Gesang hören zu können, denn meine Mutter und meine Großmutter erlaubten mir nicht, mich zu ihr zu setzen. Nur Verrückte singen. Und das Leben mochte einen verrückt machen. Doch die Frage ob sie es gut hießen, stellte sich bald nicht mehr. Ende Oktober 1944 überkam meine Mutter ein scheußliches Fieber und wenige Tage danach auch meine Großmutter. Ich erzählte niemandem davon. Ich wartete die nächste Sirene ab, schaltete das Radio aus und ging in den Keller. Ich war alleine gekommen. Die Nachbarn wussten, was das hieß, mieden mich und senkten den Blick. Abgesehen von einer Frau, welche die Arme hob, die zuvor noch um ihr Kind geschlungen waren. Wie auch das Mädchen legte ich mein Gesicht in ihren Schoß und lauschte dem Gesang, der immer noch schwer zu hören war, da ihre Hände auf unseren Ohren lagen. Sie nahmen mich mit nach Hause ohne Fragen zu stellen. Wenige Tage später zogen wir aufs Land zu Tante Annie. Sie war zwar nicht meine Tante, aber sie war, wie man sich eine Tante vorstellte. Fürsorglich, ordentlich und auch ein bisschen verrückt. Sie erzählte uns nämlich, der Keller sei voll mit Geistern. Manchmal erzählte sie uns sogar, dass es gar keinen Keller gäbe, obwohl doch eindeutig eine Tür nach unten führte. Näherten wir uns aus Neugier, bekamen wir ein paar saftige Ohrfeigen. Manchmal stellten wir Mutproben an, wer sich näher heran wagte. Dann und wann glaubten wir Stimmen zu hören und verkrochen uns schnell wieder. In der Nacht konnte man, wenn man das Ohr auf den Fußboden legte, die Kellertür knarzen hören, dann waren die Stimmen noch lauter. Annie war quirlig und widerspenstig. Sie machte oft böse Scherze, aber ich mochte sie. Ein halbes Jahr nach unserem Einzug, zog Irmie mit ihrer Mutter wieder zum Vater in die Stadt. Ich blieb bei Tante Annie. Viele Jahre später ging sie von uns. Ab und zu besuchte mich Irmie, die inzwischen einen wohlhabenden Kaufmann geheiratet hatte. Dann, irgendwann, kam nicht einmal mehr sie.

 

Dann gab es nur noch mich und das Haus. Und die Geister im Keller, die blieben mir auch. Zwar konnte ich sie seit Ewigkeiten nicht mehr hören, doch passierten sehr merkwürdige Dinge. Ich fand Briefe in meinem Postkasten und Ansichtskarten, Fotos von Menschen die ich noch nie zuvor gesehen hatte. Einmal im Monat war es sogar ein Umschlag mit Geld. Zweitausend Schilling um genau zu sein. Jeden Monat. Ich wollte den großzügigen Spender ausfindig machen, doch weder die Polizei noch der Postbeamte konnte oder wollte mir helfen. Darum legte ich mich selbst auf die Pirsch. Da die Kuverts in unregelmäßigen Abständen kamen, war das nicht so leicht. Drei Monate später war es so weit. Ein großer Mann, er muss um die fünfzig Jahre alt gewesen sein, stand vor dem Gartenzaun und steckte einen Umschlag in den Briefkasten. Als ich ihn zur Rede stellte, meinte er verlegen, er hätte vor langer Zeit einmal hier gewohnt, in genau demselben Haus und das Geld wäre für versäumte Mieten. Das war natürlich nicht möglich. Doch was ich auch an Einwänden hervorbrachte, er ließ sich von seinen angeblichen Rückzahlungen nicht abhalten. In den folgenden Jahren und Monaten brachte er den Umschlag nicht mehr heimlich, sondern zum Kaffee. Auch die Menschen auf den Bildern, seine Kinder und Enkelkinder brachte er ab und an mit. Zwei davon besuchen mich immer noch regelmäßig. Doch das alles ist nicht meine Geschichte, es ist die des Hauses. Und im Keller… da war ich bis heute nicht.