Annegret

13.09.2017 10:42

Es klingelt. Hinter den weißen Gardinen setzt sich die Uniform des Postboten ab. Bevor Annegret ihm öffnet, geht sie in den Garten, legt einige Himbeeren in eine Schüssel und stellt sie, gemeinsam mit einem Glas Erdbeermarmelade, auf das Fensterbrett. Der Postbote wartet geduldig.

„Ein Brief für Sie“, schmunzelt er, als sie schließlich vor ihm steht.

„Ein Brief ohne Unterschrift den du selbst geschrieben hast. Wie jeden Tag“, denkt Annegret, doch spricht es nicht aus.

„Danke mein Junge, vielen Dank“, erwidert sie stattdessen und drückt die schwere Holztür ins Schloss. Dann öffnet sie den Brief.

Liebe Annegret,

ich weiß nicht, wie Sie das mit ihren 86 Jahren machen. Ihr Garten ist von allen hier der schönste. Wie schaffen Sie es bloß, dass die Hortensien so üppig blühen? Sie werden mir Ihr Geheimnis wohl niemals verraten. Aber vielleicht geben Sie meiner Frau das Rezept für den herrlichsten Apfel-Gitterkuchen der Welt? Ach was, sie könnte ihn ja doch nicht nachbacken. Sie hat zwei linke Hände wissen Sie, aber sie hat das Herz am rechten Fleck. Genau wie Sie.

Einen wundervollen Tag wünscht Ihnen

Ihr heimlicher Bewunderer


Die Erdbeermarmelade war inzwischen vom Fensterbrett verschwunden und auch von den Himbeeren fehlt jede Spur. Nur die Schüssel steht noch verlassen auf der Fensterbank. Annegret lächelt in sich hinein und geht in die Küche. Sie verrührt die Eier mit dem Handbesen.

„Die Eier und der Zucker, sie müssen von Hand geschlagen werden“, murmelt sie, „so kommt mehr Luft in den Teig.“

Als sie am nächsten Morgen aufwacht, freut sie sich über den Duft von Äpfeln, Zimt und Nelken den der Kuchen im Haus verbreitet hat. Noch bevor sie sich selbst den Kaffee aufsetzt, geht sie in den Garten und schneidet einen Bund Hortensien ab. Liebevoll bindet sie die Blumen zu einem Strauß und legt sie, gemeinsam mit einem großen Stück Kuchen auf das Fensterbrett.