2018 - Abstellgleis

22.05.2020 22:33

2018 – Abstellgleis

Es gibt auf dieser Welt Winkel, da würde man die Liebe niemals vermuten. Stellen, an denen sie so absurd und fehl am Platz ist, wie ein Jongleur auf einer Beerdigung.

Ich ließ den Blick noch einmal über das leere Schlafzimmer schweifen. Keiner da. Wollte nur sichergehen.
Geben sie ihr Passwort ein“, befahl die Website. Ich gab es ein. „Passwort und die E-Mail-Adresse stimmen nicht überein“, zeterte ein roter SchriftzugMit zittrigen Fingern gab ich das Passwort erneut ein. Es konnte nicht falsch sein, ich habe nur das eine. „Passwort und die E-Mail-Adresse stimmen nicht überein.“ Beim zweiten Mal war die Zurechtweisung schon deutlich unfreundlicher, wie ich fand. >>Markus<<, sagte ich zu mir, >>du wirst dich jetzt nicht von einem Anmeldeformular aus der Ruhe bringen lassen.<< Souverän und völlig zentriert gab ich mein Passwort ein weiteres Mal ein. „Sind Sie schon Mitglied? Hier geht´s zur Anmeldung!“, verhöhnte mich die Website und ein anzügliches Lächeln umspielte den Browser. >>Natürlich bin ich Mitglied, ich habe mich ja gerade kostenpflichtig registriert. Du, du… du Maleware!<< Genervt schloss ich das Fenster und lehnte mich in meinem Stuhl zurück. Vielleicht war das ein Zeichen. Vielleicht war es einfach keine gute Idee. Das Anmeldeformular hatte gewonnen. Ich schaltete den Laptop aus und zog ihm zur Strafe sogar das Kabel aus der Dose.
Dann putzte ich mir die Zähne und schlüpfte in meinen Schlafanzug. Bedman stand groß auf dem Shirt, daneben eine gelbe Fledermaus. Hier störte mich die nonkonforme Schreibweise ausnahmsweise nicht. Ich war (schon vor dem Kinofilm) ein viel größerer Fan von Robin, als von Batman selbst. Als ich die Schranktüre schloss, starrte mir mein Spiegelbild entgegen. Was ich sah, gefiel mir. Ich stand in der Blüte meines Lebens. Hatte noch volles, gut pigmentiertes Haar, war höher als breit und hatte mir als i-Tüpfelchen auch gestern erst die Zehennägel geschnitten. Beflügelt von meinem ästhetischen Anblick beschloss ich, der Website noch eine Chance zu geben. Ich entschuldigte mich bei meinem Laptop, strich ihm als Wiedergutmachung den Staub vom Bildschirm und öffnete die Website. „Erotische Abenteuer in deiner Nähe“ versprach ein Schriftzug in verheißungsvoller Font. Markus78@hotimail.com tippte ich in das Eingabefeld. Stolz bemerkte ich, dass ich den Freemail-Anbieter für diesen Zweck gut gewählt hatte. Sicher ein Zeichen. Mit geschwellter Brust deaktivierte ich die Hochstelltaste und tippte mein Passwort ein. Siehe da, das Anmeldeformular des Grauens war besiegt. „Hallo Markus78! Schön, dass du da bist“, titelte die Website beschwichtigend. Ich seufzte zufrieden und strich mir mein Bedman Cape glatt. „Sie haben 0 neue Nachrichten und 0 Aufrufe“ Zurück am Boden der Tatsachen atmete ich aus und ließ meinen Bauch wieder über den Hosenbund hängen. „Jetzt umsehen“, schlug man mir vor, und ich befolgte den Rat.

Sandy_dopelD

Liebt es:                    heiß

besondere Talente: sehr gelenkig und dehnbahr :D :D

stellte die Plattform vor. Klingt doch schon mal nett. Eigentlich bin ich hochallergisch auf kreative Rechtschreibung, aber der Inhalt ist überzeugend. Ich klickte auf den „Anzwinkern“-Button.

Steht auf:                  GROßE ???

... setzte die Profilseite gehässig fort. Ich deaktivierte den „Anzwinkern“-Button wieder. >>Ganz schön vorlaut für eine Internetseite ohne Rechtschreibprüfung<<, raunte ich. >>Sie hat doch gar nicht gesagt, was groß sein soll. Gut, Bücherregale wird sie nicht gemeint haben. Aber vielleicht steht sie ja auf große Blumensträuße oder … Schuhabsätze!<< Ich scrollte weiter.

Marianne67

Liebt es:                    zu verwöhnen

Steht auf:                  Rollenspiele

Ich bekam eine Gänsehaut. Aber nicht die gute Art. Mehr die Sorte die man bekommt wenn man mit der Grillzange den Deckel des Kugelgrills streift. Das Profil erstellte gegen meinen Willen eine Assoziation in die Vergangenheit. Zu der Sendung mit den reifen Frauen nach Sexy Sportclips auf DSF. Ich scrollte weiter.

Camilla

Liebt es: gestreichelt zu werden.

Steht auf: Finde es heraus!

>>Das klingt doch vernünftig<<, lobte ich das Profil. Sie verwendet Satzzeichen. Ich liebe Satzzeichen. Camilla. Das erweckt den Anschein einer Frau mit Bücherregal vor den Wechseljahren. „Anzwinkern“, befahl ich. Damit war mein Soll für diesen Abend getan. Ich schloss behutsam den Laptop, und ging erfüllt ins Bett, wie ein Mann das nach getaner Arbeit so tut.

Am nächsten Tag musste ich mich disziplinieren, mich nicht mit dem Firmen-PC einzuloggen. Innerlich verbrannte ich vor Aufregung, ob Camilla zurückgezwinkert hatte. So lief das. Man wird angezwinkert und man zwinkert zurück. Wie im echten Leben. Nur mit der Sicherheitskontrolle „Ich bin kein Roboter“. Einmal fiel ich durch den Test, weil ich zu aufgeregt war, um abzuwarten bis sich das runde Ladesymbol schloss. Dann musste ich aus vier Bildern, drei auswählen, auf denen Verkehrsschilder zu sehen waren. Mir stieg kalter Schweiß auf die Stirn. Ich fühlte mich zu meiner Führerscheinprüfung zurückversetzt. Doch diese Herausforderung meisterte ich bravourös. Ich loggte mich mit nur einem Versuch ein und schloss  die Augen. Wenn ich sie wieder öffnete, würde ich wissen, ob Camilla zurückgezwinkert hatte. 3, 2, 1… UND …

 

Dinosaurier.

Kein Internet

Versuchen Sie Folgendes:

-       Netzwerkkabel, Modem und Router prüfen

-       W-LAN Verbindung erneut herstellen

-       Windows- Netzwerkdiagnose ausführen

Meine Katze hatte den Netzwerkstecker aus dem Modem gezogen und spazierte jetzt galant über die Tastatur. A2wrtz43dbvgf6z5tkl0pö90öäljhm. Keine Frage, sie ist eifersüchtig. Schließlich war sie die letzten zwei Jahre die einzige Frau in meinem Bett. Ich fegte sie mit einer raschen Handbewegung vom Schreibtisch. Man kann nicht auf alles Rücksicht nehmen. Mann hat Bedürfnisse. Kaum hatte ich das Kabel wieder eingesteckt, fand ich wieder das Anmeldeformular vor. Ich gab meine E-Mail-Adresse und das Passwort ein. Spannung. Ein Pop-up-Fenster öffnete sich.
 

„Wie zufrieden sind sie mit Hotdates.at?

Fehler: Die Auswahl null Sterne ist nicht zulässig. Bitte wählen Sie zwischen einem und fünf Sternen.“

„Ein Stern. Danke für Ihre Bewertung!“

„Sie haben sich erfolgreich ausgeloggt.“

Ich vernahm, wie mein Katze in der Küche beleidigt die Marmeladegläser aus dem Regal schmiss.
>>Jemand der sich mit der Zunge den Hintern ableckt, hat keinen alleinigen Anspruch auf meinen Schoß<<, rief ich und stellte damit die Hierarchie zwischen Katze und Besitzer wieder her. Wobei das eigentlich ziemlich cool wäre. Ich wette Sandy_dopelD kann das auch. Nun flog die Blumenvase. >>Mir schenkt sowieso keiner Blumen.<< Ich loggte mich erneut ein und erwartete einen Stromausfall oder ein Erdbeben. Doch das Anmeldeformular ließ mich passieren und gab die Startseite frei. „Sie haben 1 neue Nachricht und 1 Aufruf“ Vor Schreck klappte ich den Laptop zu. Ich hatte eine neue Nachricht. Auf der Seite Hotdates.at! Sollte ich schnell duschen gehen? Mich rasieren? Camilla. Die geht ja ran. Sie hatte nicht zurückgezwinkert, sondern gleich eine Nachricht geschickt. Bestimmt wollte sie ein Treffen ausmachen. Was wenn sie herkommen möchte? Ich versteckte den Bedman-Pyjama im Schrank, beseitigte die Scherben in der Küche und sperrte die Katze in den Abstellraum. Dann putzte ich mir die Zähne, zupfte mir zwei überstehende Nasenhaare aus und setzte mich wieder vor den Computer.
„Sitzung abgelaufen. Bitte melden Sie sich erneut an.“ „Sie haben 2 neue Nachrichten und 1 Aufruf“ Na jetzt geht´s aber rund. Mit einer Hand fächerte ich mir Luft zu, ich neige zum Hyperventilieren, und mit der anderen öffnete ich den Posteingang.

1.      Nachricht von Admin: „Sie haben Hotdates.at mit einem Stern bewertet. Helfen Sie uns besser zu werden. Wünschen Sie Kontakt mit unserem Kundenservice?“

Ich wählte „Ja“.
Wie möchten Sie mit uns in Kontakt treten?“
Ich wählte „Chat“.
Ein Chatfenster öffnete sich.

Servicecenter:„Sie sprechen mit Herbert vom Kundendienst, wie kann ich Ihnen weiterhelfen?“

Markus78:Lieber Herbert vom Kundendienst. Ich wohne mit einer Frau zusammen, die kann sich selbst den Hintern lecken. Jetzt suche ich jemanden, der selbiges für mich tut. Wären Sie so freundlich?

Genuggetan, genugtuend, …was ist das Adjektiv von Genugtuung? Egal. Zufrieden minimierte ich das Chat-Fenster und öffnete, mit erregtem Prickeln in der Brust, die nächste Nachricht.

2.     Nachricht von Camilla

Schwitzend atmete in eine Tüte. Ich stand dermaßen unter Strom, dass man meinen könnte, ich wäre dabei, auf eine Hochspannungsleitung zu pinkeln. Als ich mir zwei Taschentücher unter die Achseln geklemmt und meinen Atem kontrolliert hatte, las ich weiter.

2.     Nachricht von Camilla: „Lieber Markus. Ist 78 dein Alter oder dein Geburtsjahr? Liebe Grüße, Camilla“

Neue Nachricht schreiben:

           „Liebe Camilla,

nach „Liebe Grüße“ setzt man keinen Beistrich, sondern löst einen weichen Zeilenumbruch (Shift+Enter) aus.

            Liebe Grüße

            Markus“

 

>>Ich Vollidiot<<, schrie ich, als mir bewusst wurde, was ich da geschrieben hatte. Nach „Liebe Grüße“ löst man einen harten Zeilenumbruch (Enter) aus, keinen weichen!

„Camilla ist jetzt online. Chat beginnen?“
Ich klickte auf „Ja“.
Das Chat-Fenster öffnete sich.

Camilla schreibt…

Markus78: Warte! Was ich da geschrieben habe, war Unfug. Tut mir leid, ich bin etwas nervös.

Camilla: Ja, das war es.

Markus78: Also noch mal von vorne. Ich bin Markus, und 78 ist mein Hüftumfang.

Camilla: Cool. Bist du Batman?

Markus78: Kann man so sagen, ja.

Camilla: Schade, mir gefiel Robin immer besser. Schon vor dem Kinofilm.

 

„Ich liebe dich“, tippte ich in das Eingabefeld, löschte es dann aber wieder. Das könnte übereilt wirken.

 

Markus78: Das kann ich gut nachvollziehen. Möchtest du dich vielleicht morgen Abend treffen?

 

Nachdem ich die Taschentücher in meinen Achselhöhlen ausgewechselt hatte, minimierte ich das Chat-Fenster und hielt die Luft an. Es kam keine Antwort. Der Sauerstoffgehalt in meinem Blut sank. Mir wurde etwas schwummrig. Dann endlich begann der Chatbalken grün zu blinken. Ich atmete aus, setzte mich mit geradem Rücken auf den Schreibtischstuhl, öffnete die Unterhaltung und ein „Ja“ strahlte mir vom Bildschirm entgegen. Es kam von Herbert vom Kundendienst.
„Kann ich schon machen, wird aber teuer“, ergänzte er. Erbost schloss ich Herberts Fenster. >>Leck dich doch selbst…!<<
Oh Gott, die Katze!! Stolpernd lief ich zum Abstellraum und öffnete die Tür. Die Katze war dankbar. Zurück am Schreibtisch versorgte ich meine Oberarme mit Schnaps und Pflastern. Dann fiel mein Blick zurück auf den Bildschirm.

                        Camilla: Ja, gerne.

Als ich weggekippt war, hatte ich einen schönen Traum.

Camilla und ich liefen einen Strand entlang. Ich hatte mein Bedman-Cape an und sie trug ein transparentes, weißes Sommerkleid. Wir legten uns in den kühlen Sand. Die Nacht hatte ihn grau gefärbt. Nur das Mondlicht reflektierte in den winzigen Körnern. Die Sterne hingen so nah über uns, dass wir meinten, sie berühren zu können. Während wir uns eng umschlungen in der malerischen Kulisse wälzten, umspielte die schäumende Gischt unsere nackten Zehen. Dann küsste sie mich. (Camilla, nicht die Gischt.)Zuerst sanft, fast zaghaft. Dann leidenschaftlicher. Ihr Atem schmeckte nach...


Whiskas Geflügel-Rind. Als ich wieder zu mir kam, sah ich in die leuchtend grünen Augen meiner Katze. Ich wischte mir den Mund ab.

Camilla: Vielleicht könnten wir erst mal was trinken gehen und ein bisschen reden?

Markus78: Na klar, kein Problem.

Camilla: Diesen einen Abend ohne Hintergedanken?

Markus78: Ehrensache. Vielleicht könnten wir in die Fruchtbar gehen. Die ist nur Eisprung von mir entfernt!

Camilla: Bist du noch nervös?

Markus78: Und wie. Entschuldige.

Camilla: :)

Markus78: Morgen 20 Uhr in dem Pub neben dem Hauptbahnhof?

Camilla: Ausgemacht.

Markus78: Toll. Dann bis morgen. Ich freue mich darauf dich kennenzulernen.

Camilla: Nach „Ich freue mich darauf“ setzt man einen Beistrich.

Markus78: Ich liebe dich.

 

Wie verabredet, stand ich um Punkt 8 Uhr vor der Bar. Ich hatte meine beste Jeans an, und ein schwarzes Polohemd mit einer kleinen, gelben Fledermaus auf der rechten Brust. Um 20:30 beschloss ich, mir an der Bar ein Bier zu holen. Ich ließ meinen Blick über die Gäste schweifen, doch eine Frau ohne Begleitung war nicht auszumachen. Um 21 Uhr fand ich es schade, dass sie so spät kam, dass von dem Abend kaum etwas übrig sein würde. Und um 21:30, nach einem erleuchtenden dritten Bier, verließ ich den Pub als Mann, der von einer Frau namens Camilla versetzt worden war. Mal ehrlich, hätte ich überhaupt etwas anderes erwarten sollen? Unglücklicherweise hatte ich das aber getan. Ich hatte wirklich damit gerechnet heute Abend eine Frau kennenzulernen. Eine Frau die Satzzeichen setzt und die Batman mag. Und Robin. Doch so ist das Leben. Die passende Bewertung hatte ich der Website ja bereits gegeben. Ich bezweifelte, mich je wieder dort einzuloggen. Zu meinem eigenen Erstaunen, war ich ehrlich enttäuscht. Die dunkle Gasse entlang schlenderte ich hinunter zur Straßenbahnstation und ließ mich auf die metallene Sitzbank fallen. Die Frau daneben sah mich zuerst brüskiert und als sie meinen Gesichtsausdruck bemerkte, mitleidig an. Genervt legte ich den Kopf in den Nacken. Jetzt bloß keine Standpauke.

>>Hallo Markus.<< Ich schreckte hoch. >>Kennen wir uns?<< >>Gewissermaßen.<< Mit zusammengekniffenen Augen betrachtete ich die südländisch anmutende, junge Frau, die da im Dunkeln neben mir saß. Und dann sah ich sie. Die eingeflochtenen Blüten in ihrem Haar. Kamillenblüten. Mir stockte der Atem. >>Camilla?<< >>Hör zu, es tut mir leid. Ich habe so etwas noch nie gemacht, und als ich dich vor dem Pub stehen sah, … Ich kam mir so billig vor.<< Mir fehlten die Worte. Ich fühlte mich wie dreigeteilt. Ein Teil von mir war sauer auf sie, weil sie mich versetzt hatte. Ein anderer wollte sie tröstend in den Arm nehmen. Und ein Teil, der Teil, der mich auf die wahnwitzige Idee brachte, mich auf hotdates.at anzumelden, sah nur diese atemberaubend schöne Frau. >>Dann bin ich auch billig?<<, fragte ich. Sie lachte. >>Ich weiß nicht, dein wievieltes Treffen ist das denn heute?<< >>Heute mein erstes<<, entgegnete ich. >>Das ist doch schon mal was.<< >>Nein. Keine Ahnung. Ich bin in den letzten Jahren wohl irgendwie auf´s Abstellgleis geraten.<< >>Und da sitzen wir noch. …Hallo, ich bin Camilla.<< Sie streckte mir die Hand hin. Als ich sie nahm, fuhr sie mit ihren zarten Fingern die roten Spuren an meinem Arm entlang. Ich bekam eine Gänsehaut, eine von der guten Sorte. >>Ich hatte auch mal eine Katze<<, lächelte sie. Und das nächste an das ich mich erinnern kann, ist, dass ich diese Frau nicht (nur) in meinem Bett, sondern in meinem Leben haben wollte.

Einige Tage später verschwanden die Accounts von Markus78 und Camilla spurlos im Cyberspace. Dadurch riss auch der Kontakt zu Herbert beinahe vollständig ab. Nur einmal flatterte noch eine E-Mail vom Kundendienst herein:
„Würden Sie Hotdates.at Ihren Freunden empfehlen?“ Ich klickte auf „Ja“.