1998 - I just called to say I love you

14.05.2020 16:28

 

Samstag, 21.März 1998, 21:36 Uhr

„Heinrich, guten Abend?!”

„Heinrich! Schön, dass Sie ans Telefon gehen. Sagen Sie, läuft Ihre Waschmaschine?“

„Sie wollen wissen, ob meine Waschmaschine läuft?“

„Das wäre toll."

„Nun… Nein, meine Waschmaschine läuft nicht. Wer spricht denn da?"

„Mein Name ist… mein Name ist… Kon…äh…stanze!"

„Konstanze also. Kann ich denn noch etwas für Sie tun?"

„Ja, das können Sie. Heinrich wären Sie so nett, Ihre Waschmaschine aufzudrehen?"

„Natürlich nicht! Hätte das ein Telefonstreich werden sollen? Ich höre da doch jemanden kichern."

„Wenn ich zugebe, dass es ein Telefonstreich ist, drehen Sie dann Ihre Waschmaschine auf?"

„Keines Falls."

„Bitte."

„Nein."

„Bitte, bitte!"

„Hach. Fragen Sie noch einmal."

„Was?"

„Na fragen Sie mich, ob meine Waschmaschine läuft.“

„Ah. Okay. Heinrich, läuft Ihre Waschmaschine?"

„Jap. Ja doch, die läuft. Ohne Zweifel."

„Dann sollten Sie sie schnell wieder einfan… Wissen Sie was? So funktioniert das nicht. Ich habe das Gefühl, Sie haben mir zu Liebe mitgespielt."

„Wie kommen Sie denn darauf?"

„Der ganze Small Talk hat die Pointe versaut."

„Sie haben die Pointe selbst versaut „Konstanze“. Sie hätten nach dem Kühlschrank fragen sollen, oder zumindest nach dem Fernseher. Wer wäscht denn bitte um 21:40 seine Wäsche??"

„Meine Güte Heinrich, Sie haben völlig recht. Wir werden unsere Strategie überarbeiten und melden uns dann wieder."

„Bloß nicht. Gute Nacht, Konstanze. Und trinken Sie ein Glas Wasser vor dem Schlafengehen, damit Sie der Kater morgen nicht aus den Socken haut."

„Gute Nacht, Heinrich! Sie sind sehr fürsorglich für einen Telefonstreicher… Telfonverstrichenen… Telefongestreichten."

„Danke, das kommt in meinen Lebenslauf. Ich heiße übrigens Thomas. Heinrich ist mein Nachname."

„Thomas Heinrich. Heißt so nicht ein Schriftsteller? Sind Sie Schriftsteller, Thomas Heinrich?"

„Sie meinen wohl Thomas Mann. Und nein, ich war Polizist."

„Nein, nein, der andere. Heinrich Thomas."

„Heinrich Mann."

„Nein, der andere."

„Heinrich Böll?"

„Ja, der."

„Gute Nacht, Konstanze. Grüßen Sie Ihre Freundin von mir."
 

Sonntag, 22.März 1998, 21:30
 

„Hallo?"

„Hallo Konstanze. Sie haben sich nicht mehr gemeldet."

„Wer spricht denn da?"

„Thomas von neulich Abend… mit der Waschmaschine."

„Heinrich! Sagen Sie das doch gleich. Wie geht es Ihnen?"

„Danke mir geht es… unwichtig. Hören Sie doch Mal."

„Was ist das?"

„Meine Waschmaschine läuft."

„Sagten Sie nicht, kein Mensch würde so spät abends seine Wäsche waschen?"

„Ich habe keine Wäsche hineingetan."

„Sie lassen Ihre Waschmaschine leer laufen? Etwa nur meinetwegen?"

„Ganz genau."

„Sie halten doch nicht gerade wirklich Ihr Telefon an eine leere Wäschetrommel?"

„Genauso wenig wie ich die Frau die mir gestern betrunken einen Telefonstreich gespielt hat, heute zurückgerufen habe."

„Das ist mit Abstand die schlechteste Anmache der Welt."

„Wieso denn?"

„Nun, wo soll ich anfangen. Ich könnte verheiratet sein, hässlich, steinalt, ein Mann… oder alles davon!"

„Sie sagten "könnte". Das bringt mich gleich zu Frage Nummer 5. Wieso spielt eine erwachsene Frau nachts betrunken Telefonstreiche?"

„Fragt da Heinrich der Mann oder Heinrich der Ex-Polizist?"

„Thomas."

„Hören Sie, es tut mir leid. Ich hatte eine furchtbare Woche und meine Freundin dachte, es würde mich aufheitern."

„Und? Hat es?"

„Ja, ich muss sagen, es war ganz witzig. Auch wenn es nicht ganz geklappt hat."

„Mich auch."

„Sie auch? Warum mussten Sie denn aufgeheitert werden?"

„Gute Nacht, Konstanze. Es war schön Ihre Stimme zu hören."

„Gute Nacht, Heinrich. Und trinken Sie ein Glas Wasser vor dem Schlafengehen."

Dienstag, 24. März 1998, 21:40

„Guten Abend."

„Wer spricht?"

„Erwarten Sie noch andere Anrufe um 21:40?"

„Konstanze! Hallo, wie schön!"

„Ich habe gestern nichts von Ihnen gehört und habe mir Sorgen gemacht."

„Das ist nett von Ihnen. Aber Sie müssen sich keine Sorgen um mich machen."

„Sie haben mir nicht verraten, warum Sie aufgeheitert werden mussten."

„Das ist mir schon klar."

„Verraten Sie es mir jetzt?"

„Verraten Sie mir Ihren richtigen Namen? Sie heißen doch nicht wirklich Konstanze."

„Hmm."

„Hmm?"

„Das ist mir doch ein bisschen zu abgedreht."

„Ach kommen Sie schon. Ich habe Sie nicht nach Ihrer Kreditkartennummer gefragt. Ich habe ein Recht darauf, Ihren Namen zu erfahren, schließlich haben SIE mich angerufen."

„Wissen Sie was? Bleiben wir erst mal bei Konstanze und wenn ich Ihnen nächstes Mal einen Telefonstreich spiele, verrate ich Ihnen vielleicht meinen richtigen Namen."

„Sie legen jetzt auf und blockieren meine Nummer, richtig?"

„Wer weiß. Gute Nacht, Heinrich."

„Gute Nacht, Konstanze."

 

Mittwoch, 25.März 1998, 21:34
 

„Warum sind Sie nicht mehr Polizist?"

„Sie sind kein Freund von Small Talk, was?"

„Nö."

„Ich hatte einen Arbeitsunfall."

„Wow, wirklich? Wurden Sie angeschossen?"

„Nein."

„Angestochen?"

„Angestochen?"

„Na ERstochen wurden Sie ganz offensichtlich nicht, sonst würde ich jetzt nicht mit Ihnen sprechen."

„Nein."

„Überfahren?"

„Lassen Sie das."

„Tut mir leid."

„…"

„Zusammengeschlagen? Beim Strafzettel-Ausstellen?"

„Nein. Ich bin über eine Treppe gestürzt, okay? Sie war noch nicht einmal hoch. Zufrieden?"

„Ehrlich gesagt, nein. Noch langweiliger wäre nur gewesen, wenn Sie sich beim Stricken mit Ihren Kollegen in der Wolle verheddert hätten."

„Ich werde jetzt auflegen. Gute Nacht, Konstanze."

„Nein! Warten Sie! Sie sind doch nicht wirklich sauer, oder?"

„Natürlich bin ich sauer. Sie machen sich lustig über mich."

„Sie müssen doch zugeben, dass ihr Arbeitsunfall nicht gerade… spektakulär klingt oder?"

„…"

„Hallo?"

„Es tut mir leid, dass ich Ihnen keine bessere Geschichte bieten kann. Dass ich meinen Job aus so einem banalen Grund wie einer Querschnittslähmung verloren habe. Das muss Ihnen ja richtig den Abend versaut haben. Ich bitte vielmals um Entschuldigung!"

„Ich… es tut mir… so… leid."

„Gute Nacht, Konstanze."

„Gute Nacht…. Thomas."

 

Donnerstag, 26.März 1998; 21:26
 

>>Dies ist der Anrufbeantworter von Thomas Heinrich. Bitte pfeifen Sie auf den Piep und sprechen Sie jetzt.<<

„Guten Abend. Ich wollte nur… Ich wollte fragen… ähhm…Läuft Ihre Waschmaschine?"
 

Freitag, 27.März 1998, 21:15
 

>>Dies ist der Anrufbeantworter von Thomas Heinrich. Bitte pfeifen Sie auf den Piep und sprechen Sie jetzt.<<

„Hallo Thomas. Ich war eine richtig dumme, fiese Kuh. Es tut mir so wahnsinnig leid. Bitte sagen Sie mir, wie ich es wieder gut machen kann. Ich warte auf Ihren Rückruf."
 

Sonntag, 29.März 1998, 21:34
 

>>Dies ist der Anrufbeantworter von Thomas Heinrich. Bitte pfeifen Sie auf den Piep und sprechen Sie jetzt.<<

 „Bitte. Bitte, vergeben Sie mir."
 

Monatg, 30.März 1998, 21:40

 

>>Dies ist der Anrufbeantworter von Thomas Heinrich. Bitte pfeifen Sie auf den Piep und sprechen Sie jetzt.<<

„Bitte. Ich kann ohne Ihre Stimme nicht mehr einschlafen. Sie sind mein Ruhepol. Mein Pendel. Mein Schäfchenzählen."
 

Dienstag, 31.März 1998, 21:38

 

>>Dies ist der Anrufbeantworter von Thomas Heinrich. Bitte pfeifen Sie auf den Piep und sprechen Sie jetzt.<<

„Bitte."

>>Dies ist der Anrufbeantworter von Thomas Heinrich. Bitte pfeifen Sie auf den Piep und sprechen Sie jetzt.<<

„Bitte."

>>Dies ist der Anrufbeantworter von Thomas Heinrich. Bitte pfeifen Sie auf den Piep und sprechen Sie jetzt.<<

„Bitte."

„Schon gut, Sie Nervensäge. Ich erteile Ihnen die Absolution. Zufrieden?"

„Ein bisschen."

„Na Gott sei Dank. Hören Sie jetzt auf, meinen Anrufbeantworter vollzumüllen?"

„Okay."

„…"

„Sind Sie noch böse auf mich?"

„Ich war nie böse auf Sie. Ich kenne Sie doch gar nicht."

„Sie sind also noch böse."

„Nein, Sie haben ja recht, mit dem was Sie gesagt haben. Der Sturz war lächerlich, nur das was danach kam eben nicht."

„Es tut mir sehr leid, was Ihnen zugestoßen ist."

„Das sagten Sie bereits."

„Thomas?"

„Ja?"

„Klopf, Klopf…"

„Wer ist da?"

„Stephanie."

„Stephanie wer?"

„Stephaniedasistmeinrichtigername."

 

Sonntag, 21.März 2004, 21:40

 

„Heinrich, guten Abend?"

„Läuft Ihre Waschmaschine?"

„Stephie? Ich dachte du bist im Badezimmer und putzt dir die Zähne. Schau doch selbst nach."

„Das bin ich. Alles Gute zum Hochzeitstag, Schatz."