1946 - Ausgerechnet ein Deutscher

23.05.2020 00:23

1946 – Ausgerechnet ein Deutscher

 

Ich weiß nicht, wie viel Schmerz eine Liebesgeschichte verträgt. Aber ich denke, um zu verstehen, wie tief die Wurzeln einer Liebe sind, muss man auch wissen, was alles gegen sie spricht.

Woher auch immer dieser übermächtige Hass der Deutschen gegen die Juden rührte, mein eigener gegen die Deutschen stand ihm in nichts nach. Ich erinnere mich, als wäre es gestern gewesen. Aus dem gardinenverhangenen Küchenfenster konnte ich meine Mutter über den Schotterweg der Einfahrt rennen sehen. Einen Teil der Strecke meinte ich sogar, sie würde  schweben. Es wirkte beinahe, als meinte sie,  das Unvermeidliche aufhalten zu können, wenn sie nur schnell genug am Unglücksort war. Kaum fünf Minuten zuvor, hatte sie mir die Zöpfe fest mit Spitzenbordüre verschnürt. Jetzt lag sie wimmernd und klagend, den deutschen Soldaten zu Füßen, über dem regungslosen Vater. Er sah friedlich aus. Sein gewelltes dunkles Haar lag ihm noch in der Stirn und das  blutdurchtränkte Hemd steckte noch ordentlich in der Cordhose. Diese irreale, albtraumhafte Farce, schoss mir wie ein Blitz in die Glieder, der jedes Gefühl in mir ersterben ließ. Ich fühlte keine Trauer, keinen Schmerz. Und doch war diese Abwesenheit all meiner unendlich geglaubten, kindlichen Gefühle das Brutalste, das ich je zu spüren vermochte. Diese widerliche Lähmung wünschte ich meinem Erzfeind nicht und doch flehte ich atemlos zum Himmel, dass sie auch meine Mutter befiel. Wenngleich ich nur allzugut wusste, dass dies nicht geschehen würde. Sie fasste sich für einen allerletzten liebevollen Blick in meine Richtung. Ein Blick, der einer innigen Umarmung gleichkam und mir trotzdem das Blut in den Adern gefrieren ließ. Mit diesem Blick  löschte sie jeden Funken Hoffnung in mir aus und ließ keinen Zweifel darüber zu, was gleich geschehen würde. Wie eine Furie entriss sie sich meinem stillen Flehen, stand auf und hämmerte wutentbrannt, mit blutverschmierten Fäusten auf den Soldaten ein, der den Finger noch am Abzug liegen hatte. Sie schrie, spuckte und schlug wild um sich. Bis sie schließlich, begleitet von einem dumpfen Knall zu Boden sank. Die Stille, die ihre Schreie aufgefressen hatte, war so durchdringend laut, dass ich mir die Ohren zuhalten musste.

Wer glaubt, nach Kriegsende wäre alles gut gewesen, der hat das Jahr 1945 nicht miterlebt. Schon als wir aus dem Konzentrationslager befreit wurden, war mir klar, dass das noch nicht das Ende war. An eine Heimkehr war für mich und viele andere nicht zu denken. So etwas wie eine Heimat hatte es einmal für mich gegeben, doch inzwischen war sie zu einem winzigen geografischen Punkt ohne Bedeutung zusammengeschrumpft. Die erste Zeit nach der Freilassung wohnte ich zusammen mit Haya in einem DP- Lager. Ich möchte gerne sagen, dass Haya meine Freundin aus dem Konzentrationslager war, aber ich bin mir nicht sicher, ob zwischen den Entwesungs- und Desinfizieranlagen, so etwas wie eine echte Freundschaft gedeihen konnte. Vielleicht beschreibt man es besser mit einer Synergie, die man entwickelt, um am Leben zu bleiben. So riskierte ich mein Leben, als ich Haya half, ihre Ruhr zu verheimlichen. Denn dass man auf der „Krankenstation“ keine medizinische Versorgung zu erwarten hatte, lag auf der Hand. Sie wiederum brachte ihr eigenes Leben in Gefahr, als sie meine Arbeit mitverrichtete, als mir die Kraft dazu fehlte. Mit der Zeit  ließ ich mich von ihrem Optimismus anstecken. Auch wenn die Asche, die Leichen und diese Unmengen an Trümmern solche Trugschlüsse verhindern hätten müssen. Das Land, regiert von den Besatzungsmächten, war übersät von Soldaten, die traumatisiert aus  den Schützengräben gekrochen waren, frei von jeder Moral. Hunger, Traumata und Verzweiflung ließen alle menschlichen Fassaden in sich zusammenfallen. Auch der Judenhass war noch fest in den Köpfen verankert. Trotzdem sah ich mich dank Haya bereits als Teil der Remigration. Auf dem Weg in ein neues Leben in meinem Heimatland, als jemand von hinten grob mein Haar packte. Eine raue Hand hielt mir den Mund zu und zog mich in eine Seitengasse. Dieselbe Hand, die meine Lippen für einen Schrei wieder freigab, schob sich jetzt unter meinen Rock. Ich schrie erneut, schlug um mich, spuckte und hoffte den Schmerz damit schnell zu beenden, wie meine Mutter es getan hatte. Doch im Gegenteil schien das den Mann hinter mir nur anzufeuern. Er lachte trocken über meine jämmerlichen Befreiungsversuche, während er mich auf deutsch beschimpfte. Kurz bevor das letzte bisschen Würde und Lebensenergie in mir erlosch, kam endlich der erhoffte dumpfe Knall. Es wurde dunkel um mich. Doch anstatt meiner selbst, sackte der Körper hinter mir in sich zusammen und blieb auf der Straße liegen. Ein Gesicht tauchte über mir auf. Meine Erfahrung hatte mich gelehrt es vorzuverurteilen. Es zu hassen. Es war das Gesicht eines Deutschen. Typisch wie es nur sein konnte. Strahlend blaue Augen unter aschblondem glatten Haar. Ein Gesicht, das ich verabscheuen wollte. Das meines verabscheuen sollte, dem,  umrandet von dunklen Locken, „Jude“ wörtlich auf die Stirn geschrieben war. Doch der sanfte Ausdruck darin verschwand nicht. Er verschwand nicht, als ich schrie und um mich schlug. Er verschwand auch nicht, als ich schluchzend auf die Straße sank. Nein, der Fremde schloss seine Arme um mich, was seit einer gefühlten Ewigkeit keiner mehr getan oder auch nur gewollt hatte. Er nahm meine Hand und weinte mit mir. Wie zwei Verrückte saßen wir neben dem Toten auf der Straße und beweinten alle Grausamkeiten, die der Krieg an ihm und uns verbrochen hatte. Er saß so nah bei mir, dass seine Tränen über mein Gesicht rollten. So gerne ich ihn hassen mochte, ich konnte diese Hand nicht mehr loslassen. Sie war das einzige, woran ich mich überhaupt noch festhalten konnte. Und sie entzog sich auch nicht. Sie führte mich in eine Wohnung, versorgte meine Wunden. Sie hielt mich weiter, trotz Rassenschande und aller Anfeindung von Außen. Aus denselben Vorwürfen mit anderen Worten verlor ich mit Haya, meine letzte Bezugsperson zu meiner Vergangenheit und fühlte mich freier denn je. Das Gesicht in das ich blickte, als ich aus er Hölle zurück ins Leben kam, die Hand die mich am Abgrund festhielt und sie nicht mehr losließ, sie gehörten dem Mann mit dem ich ab 1950, nach Ende des Blutschutzgesetzes, 34 Jahre lang glücklich verheiratet sein würde. Und der mich so gut es die Umstände zuließen, immer wie eine Königin behandelte. Das Vertrauen, das ich diesem Deutschen trotz allen Widerspruchs schenkte, wurde nie enttäuscht. Im Gegenzug schenkte er mir einen engelsgleichen blauäugigen Sohn mit schwarzen Locken.

Genauso falsch wie der Antisemitismus, ist die Stigmatisierung und Verteufelung einer ganzen Generation Deutscher. Junger Männer die zum Teil durch Gewaltandrohung und Hirnwäsche in ein System gezwungen wurden, dessen volles abgründiges Ausmaß mir wie vielen anderen erst weit nach Kriegsende deutlich wurde.