Aktion "Erzähle Deine Geschichte"

27.01.2018 10:49

Ohne Teenies besser dran-

Ein modernes Märchen

 

Seit ich kürzlich beim Staubsaugen irrtümlich das Mobiltelefon meiner dreizehnjährigen Tochter Melanie entsperrte und sich aus heiterem Himmel die WhatsApp Unterhaltung mit ihrer besten Freundin öffnete, frage ich mich, ob diesem Kind noch zu helfen ist. Ich bin wirklich kein überfürsorglicher Vater, aber dafür finde ich keine Worte. Armutszeugnis der Menschheit vielleicht. Entgleisung der Jugend. Oder Achillesferse des Intellekts. Verblödung der… Okay vielleicht finde ich doch ein paar Worte. Es trug sich zu, wie folgt:

Zuerst hat **Süße<3<3** geschrieben: „Mir is fad.“ Zumindest schlussfolgerte ich das aus den schnarchenden Smileys und dem Kontext der Reaktion. Meine Tochter erklärte, da könne sie Abhilfe schaffen, denn sie habe ohnehin noch etwas wichtiges zu erzählen. Auf ein rhetorisches „Ok???????“ folgten,  anstelle einer Antwort, vier Daumen hoch und drei Top!s. Den Rest der Unterhaltung werde ich nun etwas zusammenfassen. Also es ist offenbar so, dass meine Tochter Melanie vielleicht, vielleicht auch nicht, in Emil verliebt ist.  Das hängt jetzt (und gar nicht unwesentlich) davon ab, ob er selbiges erwidert. Allerdings sei es, bei 627 Facebook-Freunden, wovon 341 weiblich sind und ihm 53 sogar zum Geburtstag gratulierten, wohl reichlich naiv das anzunehmen. „Shit“ kam prompt die Situationsauslegung, natürlich ebenfalls in Form eines lächelnden Emojis. Woher sie das eigentlich wisse, hakte **Süße<3<3** nach. Denn wie ich erfuhr, waren Melanie und Emil selbst gar keine Facebook-Freunde. Doch scheinbar wäre es gewissermaßen und unter Umständen möglich, dass sie, Melanie, sich vielleicht, vielleicht auch nicht, in den Account ihres älteren Bruders (meines Sohnes Gabriel [Oh Gott steh mir bei, es geht um seinen langhaarigen Freund, den 18[[!!!]] jährigen Emil!!!]) gehackt hat, um das zu „checken“. Was wiederum wohl wesentlich davon abhängt, ob dieser es ihr hieb- und stichfest nachweisen konnte. Wie auch immer, nun hatte sie sich das ganze aber natürlich nicht aus den Fingern gesogen, nein! Es gäbe da durchaus gewisse Anzeichen dafür, dass der schöne Emil ihre Gefühle (die je nachdem da waren oder nicht) erwiderte. Als sie sich nämlich zuletzt schicksalhaft vor Gabriels Zimmer über den Weg gelaufen waren (er musste auf´s Klo und sie stand da reiiiin zufällig), sagte er: „Hey Mel“. *kreiiiisch*,  entgegnete da die beglückwünschende Telefonseelsorge. Dann folgten einige Abkürzungen, die selbst erfahrene Kryptologen vor ein Rätsel gestellt hätten. Die Aufregung rührte jedenfalls daher, dass er, Emil, der viel zu alte Freund meines Sohnes Gabriel,  ja auch etwas Plumpes hätte sagen können. Etwas „Angestaubtes“ wie „Hallo Melanie“. Aber das hatte der Ritter in der schimmernden Rüstung nicht getan. Nein! Er sagte, quasi mit ewigen Liebesschwüren zwischen den Zeilen: „Hey Mel.“ Es folgten unzählige OMG!s beider Gesprächsteilnehmer.

Trotz der vorherrschenden Euphorie der Hormongeplagten, beunruhigte mich das zunächst nicht. Mit der, vermutlich hanfbedingten (Geistes-) Trägheit, die der junge Adonis üblicherweise an den Tag legte, wenn er aus Gabriels Zimmer schlurfte, war an diesen Worten wohl kaum viel dran. Aber dann hatte er offenbar auch noch „angesext“ geschaut. Und zwar „sooo hot“! Angesext! Ja Kruzifix! Wenn das auch nur annähernd das bedeutet, was ich denke, dass es bedeutet, dann bekommt der liebe Emil lebenslängliches Hausverbot. …Was interessant wäre zu erklären mit dieser Vorgeschichte. Was sollte ich sagen? „Sohn, wirf deinen Freund hinaus, der schaut angesext“? Wohl eher nicht. Gott sei Dank hält Gabriel meinen Erziehungsstil aber sowieso für archaisch. Ein markerschütterndes „Weil ich es sage“ (in Mundart wirkt es noch besser), sollte also genügen. Nun gut. Mehr als dieses zwischenmenschliche Feuerwerk vor der Klotür war nicht nötig, um zwei pubertierende Gören dazu zu animieren, sich angeregt über Verhütung auszutauschen. Zumindest dieses Gespräch würde mir erspart bleiben, denn auf dem Gebiet schienen sie tatsächlich bescheid zu wissen. Im Ernst, da kamen Sachen, von denen ich noch nie zuvor gehört hatte! Nachdem diese gegoogelt waren, ließ ich mich demoralisiert auf die Couch fallen. Wie es der Zufall (oder der Alltag) will, kam wenig später Gabriel von der Schule nach Hause und zwar mit niemand Geringerem als dem schönen Emil im Schlepptau. „Tag“, murmelte der. Was das wohl zu bedeuten hatte? Leider würde sich in meinen WhatsApp Kontakten niemand finden, mit dem ich das erläutern könnte. Also schaltete sich mein Gesichtsscanner ein. Ich suchte nach dem Begriff „angesext“, aber er schlug lediglich bei „eingeraucht“ aus. Zugegeben, ich war auch keine beeinflussbare, leichtgläubige Dreizehnjährige. Mich würde er wohl kaum so ansehen. Also folgte ich dem Verdächtigen in den ersten Stock, wo ich nicht nur von meinem Sohn Gabriel böse Blicke kassierte, sondern auch von der lieben Melanie, die mit dem wallenden fettigen Haar einer Dreizehnjährigen über der Schulter, wieder reii-iin zufällig am Flur stand. Okay, das hatte ich nicht bedacht. Mit oscarverdächtiger Gleichgültigkeit gab ich vor, nur den Staubsauger holen zu wollen. Mein entschlossener Blick ließ keine Zweifel zu. Zielstrebig wand ich mich an dem Dreiergespann vorbei und holte das kabellose Elitegerät aus der Wäschekammer. Der Traum meiner schlaflosen Nächte. Ich war tatsächlich so stolz auf dieses hochmoderne Haushaltsgerät, dass meine Kinder mir die kleine Notlüge abnahmen. Nach einigen Minuten des Abwartens, schaltete ich den Staubsauger ein. Nur als (ausgesprochen leise!!) Geräuschkulisse versteht sich. Ich legte den zufrieden surrenden Apparat auf den Boden und mich selbst auf die Pirsch. Von der Treppe aus hatte ich hervorragende Sicht auf beide Kinderzimmer inklusive der Klotür. Und sollte mich wider erwarten jemand entdecken, war da ja noch der Staubsauger. Ich musste kaum eineinhalb Stunden warten, holten mich auch schon die Schlurfgeräusche von Socken auf Parkett aus meinem Nickerchen. Der Akkusauger surrte immer noch zufrieden - was für eine Errungenschaft der Technik! Die Zimmertür zu Melanies Teenie-Höhle war einen spaltbreit offen. Ich vernahm eine tiefe Stimme. Dann ein schrilles Quietschen. Bewaffnet mit dem Dyson V8 Pro eilte ich meiner Tochter zur Hilfe. Zu meiner Erleichterung waren alle Personen die sich im Raum befanden voll bekleidet. Gabriel hatte seine schlaksigen Finger um Melanies Nacken gelegt und rügte sie dafür, dass sie an seinem Computer gewesen war. Ich schloss die Tür, wenn auch nur halb so energisch wie ich sie aufgerissen hatte, und schlich in Gabriels Zimmer. Dort fand ich, wie ich es gehofft hatte, den schönen Emil. Den Rücken gerade und die Hand fest um den Dyson geschlungen, baute ich mich vor ihm auf. Er sah mich gelangweilt an. „Ich weiß genau, dass du Melanie angesext hast“, stieß ich bedrohlich aus, „Wenn du sie anrührst, schwöre ich dir…“ Aus Effektgründen ließ ich den letzten Teil des Satzes als drohendes Damoklesschwert im Raum stehen. Ich erwartete eine dünne Rechtfertigung, ein angstvolles Wimmern. Doch Emil glotzte mich nur aus rot umrandeten Augen an. „Alter geht’s noch? Ich hab 627 Facebook-Freunde, davon sind 341 weiblich und 53 haben mir sogar zum Geburtstag gratuliert!“

 

29.11.2017 10:54

 

Leopold ist alt. Alt, allein und griesgrämig. Alt ist er, weil das Leben tiefe Spuren hinterlassen hat.

Die Zeit als er ein Kind war, hat die Fähigkeit zu lieben in sein Herz gebracht. Seine Mutter war gütig und fleißig. Ein strahlendes Licht. Die Zeit als Soldat hatte diese Gabe kurzzeitig beeinträchtigt. Sie löschte viele Lichter aus. Beinahe sogar sein eigenes als er sich schlecht ausgerüstet und zitternd vor Kälte und Angst in Russland wiederfand. In der Zeit als Ehemann loderte das Licht wieder. Sie brachte große Liebe mit sich. Er konnte kaum glauben, dass noch eine Steigerung möglich war. Bis zu der Zeit als Vater. Während dieser Zeit strahlte er so sehr, dass man die ganze Stadt damit hätte beleuchten können. Das Land. Den Kontinent. Die Welt. Er wollte sein Glück hinausschreien. Jeden noch so fernen Menschen daran teilhaben lassen. Aber er blieb bescheiden. Er schrie erst in der Zeit als Witwer. Einmal. Laut. Sehr laut. Ein Schrei der nurmehr ein winziges Flackern zurückließ.

Darauf folgte die Zeit als alter Mann. Nichts, aber auch gar nichts konnte das Licht zurückbringen, das parallel zu der jeweiligen Zeit vergangen war. Das durfte auch nicht sein. Wie könnte er nach allem, was er nicht mehr war, was die Zeit ihm gestohlen hatte, noch glücklich sein? Undenkbar. Nun war er eben alt. Alt, allein und griesgrämig. Das gedachte er zu bleiben. So lange bis auch die Zeit als alter Mann ein Ende fand. Und das würde sie. Er musste nur geduldig sein.


Indem er also alt, allein und griesgrämig auf den Tod wartete, versuchte er sein Licht auszulöschen. Keine andere Aufgabe war ihm geblieben. Es war nicht wirklich schwer, eine beinah erstickte Flamme klein zu halten. So einsam in der viel zu großen Wohnung. Die so unendlich leer war, seit er sich allem entledigt hatte, was von früheren Zeiten geblieben war.

Schwer wurde es nur manchmal wenn er die Wohnung verließ. Wenn Hermine aus dem zweiten Stock im Stiegenaufgang nach der Brille kramte, obwohl sie die ganze Zeit über auf ihrer Nase gesessen hatte. Selbst mit Brille fand sie das Schlüsselloch nicht. Ihre Hände waren einfach zu zittrig. Denn auch Hermine war alt. Alt und allein, aber keines Wegs griesgrämig. Sie war sogar ausgesprochen lustig. Was Leopold gelegentlich beim Licht Kleinhalten störte. Vor allem dann, wenn Hermine ihm, als Dank fürs Türöffnen, heimlich selbst gemachte Pralinen vor die Wohnungstür legen wollte. Schließlich aber doch verlegen klingeln musste, weil sie sich wieder einmal ausgesperrt hatte.

Noch schwerer wurde es, als er sie mit samt ihrer Pralinen hereinbat. Als er ihr Kaffee über die hellblau karierte Schürze schüttete und das Malheur, mit hochrotem Kopf beseitigte. Als ihm die Schamesröte ins Gesicht stieg, wenn sie seinen Blick streifte. Als er sich dabei ertappte, davon zu träumen, ihren schneeweißen Lockenkopf zu streicheln. Als er, verlegen wie ein Schuljunge, um ihre Hand anhielt.

Am allerschwersten aber war es geworden, seit der Duft von Hermines Rosenseife die gar nicht mehr so leere Wohnung erfüllte. Unmöglich, seit Leopold nicht mehr griesgrämig ist. Auch nicht allein. Ja, nicht einmal mehr so wirklich alt.

11.10.2017 11:10

„Liebe Elisabeth, ich möchte Ihnen von meinem Haus erzählen.“

„Von Ihrem Haus?“

„Ja.“

„Gerne. Bitte erzählen Sie mir von Ihrem Haus.“

„Wissen Sie, ein Geist hat mir eine Geschichte vorgelesen, die Sie geschrieben haben. Die von dem Postboten und der alten Dame. Und sie erinnerte mich an die Geschichte meines Hauses. Den Geist wohl auch.

Nun gut. Das Haus in dem ich wohne, ist nicht mein Elternhaus. Es gehörte der Tante eines Mädchens, das im selben Keller saß wie ich, wenn der Kuckuck rief. Ihre Mutter summte immer die Melodie von Harry James' Sleepy Lagoon. Ich musste mich anstrengen ihren Gesang hören zu können, denn meine Mutter und meine Großmutter erlaubten mir nicht, mich zu ihr zu setzen. Nur Verrückte singen. Und das Leben mochte einen verrückt machen. Doch die Frage ob sie es gut hießen, stellte sich bald nicht mehr. Ende Oktober 1944 überkam meine Mutter ein scheußliches Fieber und wenige Tage danach auch meine Großmutter. Ich erzählte niemandem davon. Ich wartete die nächste Sirene ab, schaltete das Radio aus und ging in den Keller. Ich war alleine gekommen. Die Nachbarn wussten, was das hieß, mieden mich und senkten den Blick. Abgesehen von einer Frau, welche die Arme hob, die zuvor noch um ihr Kind geschlungen waren. Wie auch das Mädchen legte ich mein Gesicht in ihren Schoß und lauschte dem Gesang, der immer noch schwer zu hören war, da ihre Hände auf unseren Ohren lagen. Sie nahmen mich mit nach Hause ohne Fragen zu stellen. Wenige Tage später zogen wir aufs Land zu Tante Annie. Sie war zwar nicht meine Tante, aber sie war, wie man sich eine Tante vorstellte. Fürsorglich, ordentlich und auch ein bisschen verrückt. Sie erzählte uns nämlich, der Keller sei voll mit Geistern. Manchmal erzählte sie uns sogar, dass es gar keinen Keller gäbe, obwohl doch eindeutig eine Tür nach unten führte. Näherten wir uns aus Neugier, bekamen wir ein paar saftige Ohrfeigen. Manchmal stellten wir Mutproben an, wer sich näher heran wagte. Dann und wann glaubten wir Stimmen zu hören und verkrochen uns schnell wieder. In der Nacht konnte man, wenn man das Ohr auf den Fußboden legte, die Kellertür knarzen hören, dann waren die Stimmen noch lauter. Annie war quirlig und widerspenstig. Sie machte oft böse Scherze, aber ich mochte sie. Ein halbes Jahr nach unserem Einzug, zog Irmie mit ihrer Mutter wieder zum Vater in die Stadt. Ich blieb bei Tante Annie. Viele Jahre später ging sie von uns. Ab und zu besuchte mich Irmie, die inzwischen einen wohlhabenden Kaufmann geheiratet hatte. Dann, irgendwann, kam nicht einmal mehr sie.

 

Dann gab es nur noch mich und das Haus. Und die Geister im Keller, die blieben mir auch. Zwar konnte ich sie seit Ewigkeiten nicht mehr hören, doch passierten sehr merkwürdige Dinge. Ich fand Briefe in meinem Postkasten und Ansichtskarten, Fotos von Menschen die ich noch nie zuvor gesehen hatte. Einmal im Monat war es sogar ein Umschlag mit Geld. Zweitausend Schilling um genau zu sein. Jeden Monat. Ich wollte den großzügigen Spender ausfindig machen, doch weder die Polizei noch der Postbeamte konnte oder wollte mir helfen. Darum legte ich mich selbst auf die Pirsch. Da die Kuverts in unregelmäßigen Abständen kamen, war das nicht so leicht. Drei Monate später war es so weit. Ein großer Mann, er muss um die fünfzig Jahre alt gewesen sein, stand vor dem Gartenzaun und steckte einen Umschlag in den Briefkasten. Als ich ihn zur Rede stellte, meinte er verlegen, er hätte vor langer Zeit einmal hier gewohnt, in genau demselben Haus und das Geld wäre für versäumte Mieten. Das war natürlich nicht möglich. Doch was ich auch an Einwänden hervorbrachte, er ließ sich von seinen angeblichen Rückzahlungen nicht abhalten. In den folgenden Jahren und Monaten brachte er den Umschlag nicht mehr heimlich, sondern zum Kaffee. Auch die Menschen auf den Bildern, seine Kinder und Enkelkinder brachte er ab und an mit. Zwei davon besuchen mich immer noch regelmäßig. Doch das alles ist nicht meine Geschichte, es ist die des Hauses. Und im Keller… da war ich bis heute nicht.

28.09.2017 10:00

Ich bin ein liebevoller, aber kein einfacher Mensch. Ich schätze Ruhe und abgelegene Orte sehr. Ich liebe es zu lachen. Mich fasziniert die Einsamkeit. Ich meide Menschenmengen und Lärm. Ich fürchte Streit und Hektik. Ich verabscheue Small Talk. Das klingt jetzt vielleicht arrogant, doch so ist es nicht gemeint. Wenn ich einem Menschen näher kommen möchte, empfinde ich es als Zeitverschwendung, ja fast als Beleidigung über Belangloses zu sprechen. Man darf mir durchaus ein gehaltvolles Gespräch zutrauen. Ich möchte über Kunst sprechen, über Ängste und Fehler, über das Leben, über Ideen, Träume und Leidenschaften jeder Art, über Weltsichten, Musik, Liebe und Sex, über das Reisen, die Natur, über Essen und natürlich über Bücher.

Ich liebe und fürchte Gefühle. Sie überwältigen mich, treffen mich mit unvorhergesehener Wucht, ohne dass ich etwas dagegen tun könnte. Die guten und die schlechten. Ich habe einen feinen Sinn für Stimmungen. Oft überträgt sich die Stimmung anderer Menschen auf mich. Auch darauf habe ich keinen Einfluss. Manchmal lässt mich all das verzweifeln. Doch gäbe es eine Pille gegen diese Hochsensibilität, ich würde sie nicht schlucken. Ich habe einen Blick für Kleines, Schönes und Außergewöhnliches. Und für Wunder. Um nichts in der Welt möchte ich den verlieren.

19.09.2017 10:19

Ich wurde geschieden. Sie werden jetzt vielleicht denken, das sei nichts besonderes, doch das war es. Mein Mann verließ mich, als sich scheiden zu lassen noch kein Volkssport war. Da stand ich also, mit vier Kindern, ohne Einkommen und ohne die Miete bezahlen zu können. Zu meiner Überraschung war die Miete sogar um einige Monate in Verzug. Von Kindesunterhalt wollte mein Exmann auch nichts wissen und tauchte schließlich ganz ab. Meine Kinder ahnten nichts von unserer Aussichtslosigkeit und das sollte so bleiben, also lächelte ich. Es war ein stiller Kampf der sich unsichtbar, tief in mir abspielte, jeden Tag aufs neue. Und da ich alles daran setzte, diesen Kampf zu gewinnen, blieb kaum Zeit für Angst, Tränen und Sorgen. Nur des Nachts verschwand mein Lachen. Und das trifft es vielleicht ganz gut, es waren Jahre der Nacht.

Ich bin inzwischen fast 70 Jahre alt. Erwarte den Besuch meiner Kinder, der Schwieger- und Enkelkinder. Wenn ich sie sehe erfüllt mich eine große Dankbarkeit. Sie sind tüchtige und anständige Menschen geworden. Das Lächeln das lange Zeit ein oberflächliches war, ist heute echt.

17.09.2017 10:09

Der andere Mann war nicht das Problem. Das Problem war und ist, dass sie nicht nach den Regeln spielte. Nicht nach den offiziellen, die das Eheleben mit sich bringt, und, was viel schlimmer war, nicht nach den ungeschriebenen. Den nonverbalen, stillen Verabredungen. Ich mache Entbehrungen, wenn du es auch tust. Wir halten die Fassade aufrecht. Wir heiraten und wirken glücklich, so wie es alle tun. Das war der Plan, und sie hielt sich nicht daran. Sie hatte ihn betrogen und hintergangen, obwohl er all die Jahre für sie unglücklich war. Sie hatte ihn blamiert, ihn bloßgestellt.

Als die Tür ins Schloss fiel, blieb nur Stille. Jene Art der Stille die Menschen dazu zwingt nachzudenken. Eine Welle Gefühle überkam ihn, die er nicht bereit war, zuzulassen. Wut, Traurigkeit, Selbsthass,… aber vor allem diese alles zerfressende Wut. Wochen vergingen und sein Zorn gab ihm die Kraft die weiteren Schritte einzuleiten. Doch als das geschafft war, wich die Wut einer tiefen, kalten Leere. Das Alleinsein gefiel ihm nicht. Man hatte ihn gegen seinen Willen auf Anfang gesetzt. Und dann war da noch diese Gedankenspirale, die immer wieder Bilder hochkommen ließ. Bilder davon, wie diese fremden Hände seine Frau berührten. Seine Frau. Nein… Er wird sie nicht glücklich machen. Wenn er selbst es nicht schaffte, dann auch kein anderer. Denn was würde das über ihn aussagen? Es würde aussehen, als sei er schuld an allem. Dabei hatte er doch alles getan, alles versucht. Er hatte ihr seine besten Jahre geschenkt. Zeit die ihm niemand je zurückgeben konnte. Verlorene Stunden. Nun gut, nicht völlig verloren, schließlich waren da noch die Kinder. Die Kinder! Also zumindest das musste sie doch einsehen. Was sie den Kindern angetan hatte, war nicht mehr gutzumachen. Sie hatte die Familie zerstört! Sie ganz alleine. So sollten die Leute denken. So sollte sie denken. So wollte er denken.

Als er den Ehering abnahm, fiel ein grauer Schleier von ihm ab. Eine Last von der er nicht gewusst hatte, dass es eine war. Die Stelle, an der noch vor kurzem der Ehering steckte, erregte eine Menge Aufmerksamkeit. Frauen folgten seinem Blick. Sie sahen ihn an. Als Mann. Nicht den Ehemann einer anderen. Nicht den Vater. Ihn. In ihren Augen funkelte Neugier und die Sehnsucht nach Abwechslung. Diese Art der Aufmerksamkeit war belebend. Im wahrsten Sinne des Wortes. Er fühlte wieder Leben in sich. Nur leider hielt dieses Gefühl nie lange an. Es verlangte nach Regelmäßigkeit.

Ein Lächeln, ein Augenzwinkern, …eine leicht verdiente Emotion.

13.09.2017 10:42

Es klingelt. Hinter den weißen Gardinen setzt sich die Uniform des Postboten ab. Bevor Annegret ihm öffnet, geht sie in den Garten, legt einige Himbeeren in eine Schüssel und stellt sie, gemeinsam mit einem Glas Erdbeermarmelade, auf das Fensterbrett. Der Postbote wartet geduldig.

„Ein Brief für Sie“, schmunzelt er, als sie schließlich vor ihm steht.

„Ein Brief ohne Unterschrift den du selbst geschrieben hast. Wie jeden Tag“, denkt Annegret, doch spricht es nicht aus.

„Danke mein Junge, vielen Dank“, erwidert sie stattdessen und drückt die schwere Holztür ins Schloss. Dann öffnet sie den Brief.

Liebe Annegret,

ich weiß nicht, wie Sie das mit ihren 86 Jahren machen. Ihr Garten ist von allen hier der schönste. Wie schaffen Sie es bloß, dass die Hortensien so üppig blühen? Sie werden mir Ihr Geheimnis wohl niemals verraten. Aber vielleicht geben Sie meiner Frau das Rezept für den herrlichsten Apfel-Gitterkuchen der Welt? Ach was, sie könnte ihn ja doch nicht nachbacken. Sie hat zwei linke Hände wissen Sie, aber sie hat das Herz am rechten Fleck. Genau wie Sie.

Einen wundervollen Tag wünscht Ihnen

Ihr heimlicher Bewunderer


Die Erdbeermarmelade war inzwischen vom Fensterbrett verschwunden und auch von den Himbeeren fehlt jede Spur. Nur die Schüssel steht noch verlassen auf der Fensterbank. Annegret lächelt in sich hinein und geht in die Küche. Sie verrührt die Eier mit dem Handbesen.

„Die Eier und der Zucker, sie müssen von Hand geschlagen werden“, murmelt sie, „so kommt mehr Luft in den Teig.“

Als sie am nächsten Morgen aufwacht, freut sie sich über den Duft von Äpfeln, Zimt und Nelken den der Kuchen im Haus verbreitet hat. Noch bevor sie sich selbst den Kaffee aufsetzt, geht sie in den Garten und schneidet einen Bund Hortensien ab. Liebevoll bindet sie die Blumen zu einem Strauß und legt sie, gemeinsam mit einem großen Stück Kuchen auf das Fensterbrett.

 

 

01.07.2017 13:40

 

 

Hier erscheint demnächst Geschichte 6.

 

 

Danke für euer Vertrauen, und dass ihr dieses schöne Projekt ermöglicht habt

 

Eure Elisabeth